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Blutüberströmt: der junge Chinese (Antonia Schirmeister). Foto: Haymann
Geschändete Grille und perfide Ameise: Julian Culemann und Joanne Gläsel. Foto: Haymann
27.03.2017

Premiere am Stadtheater: „Der goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig

Pforzheim. Und immer wieder die kleine Tischglocke. Sie kündigt an, dass ein weiteres Gericht die Küche im China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“ verlässt. Aber sie läutet auch die Szenen- und Stimmungswechsel ein, die die sorgsam montierte Folge von Bildern strukturieren, aus denen der Dramatiker Roland Schimmelpfennig sein gleichnamiges Stück als Panorama berührender Schicksale komponiert. Am Theater Pforzheim ist der „Goldene Drache“ jetzt in einer eindrucksvollen Aufführung zu sehen.

Der Goldene Drache feiert Premiere im Theater Pforzheim

Jagd nach dem Glück

Damit knüpft die Bühne im Titel zwar oberflächlich an das Leitthema „Gold/Eldorado“ des Goldstadt-Jubiläums an. Aber golden ist nichts in diesem zu Recht erfolgreichen Schauspiel, das 2009 herauskam. Denn was in der Küche dieses Asia-Imbisses mit den rechtlosen und also ausgebeuteten Angestellten geschieht, spiegelt die Zustände einer globalisierten Welt, in der alles mit allem so zusammenhängt, dass die Jagd ihrer Opfer nach dem Glück in der Tragödie endet. So wie bei dem jungen Chinesen, der, weil er ein Illegaler ist, mit seinen Zahnschmerzen nicht zum Arzt gehen kann. Ihm brechen seine ratlosen Kollegen den üblen Zahn mit der Rohrzange aus dem Mund, und er verblutet elend. Der Zahn aber fliegt durch die Küche und landet in der Thai-Suppe, die eine Stewardess gerade serviert bekommt. Die groteske Wanderschaft der kariösen Ruine setzt eine absurde Dramaturgie in Gang, in der in immer neuen Wendungen das Leben und Leiden der Bewohner im ganzen Haus beleuchtet wird. Es ist ein Kosmos unglücklicher Menschen, dessen Abgründe da in kurzen, düsteren, mal poetischen, mal bizarren Schlaglichtern aufscheinen und dessen Figuren alle verbunden sind im Scheitern ihrer Hoffnungen.

Bildergalerie: „Der goldene Drache“ feiert Premiere am Theater Pforzheim

Die verwirrenden, oft abrupt abbrechenden und absichtsvoll verschränkten Handlungsstränge erhalten ihren Sinn durch die eingeflochtene, Fabel von der Ameise und der Grille, die von dem antiken Dichter Äsop als Lehrbeispiel für das Prinzip schlauer Vorsorge und gegen das Laster kurzsichtigen Genusses entworfen wurde. Schimmelpfennig dreht diese Botschaft um, macht aus der „klugen“ Ameise eine kalte Ausbeuterin und aus der Grille ihr gequältes Opfer. Bei ihm wird aus der pragmatischen Fabel eine schroffe Anklage gegen die Brutalität des Kapitalismus. Dadurch erschließt sich das Grundthema des „Goldenen Drachen“ und der vielen Per-spektiven, die in dem Geschehen verwoben sind.

Der Zusammenhang hält selbst dann, wenn der Autor die Zuordnung der sechs Personen bewusst gegen Alter, Geschlecht und Identität verstoßen lässt, wenn er den Szenenfluss absichtlich durch mitgesprochene Szenenanweisungen durchbricht, wenn er die Darsteller ständig aus ihren Rollen fallen lässt, wenn er das durchaus aktuelle Sozialdrama mit emotionalen Passagen oder pechschwarzem Humor konterkariert.

So virtuos dieses Prinzip der ständigen Aufhebung im Drama angelegt ist, so souverän und wirkungsbewusst hat es Caroline Stolz in ihrer Inszenierung umgesetzt. Im süffigen China-Dekor mit roten Hängeampeln (Jan Hendrik Neidert) und mit raffiniert variablen Kostümen (Lorena Diaz Stephens) läuft die 80 Minuten kurze, sehr präzise arrangierte Aufführung mit faszinierender Spannung und temporeicher Vitalität ab – stets genau auf den Punkt, stets randscharf formuliert, stets in ensemble-dienlicher Nuancierung und stets mit schlüssiger Klugheit in Ökonomie und Dynamik. So ist denn dieser Abend ein vorzügliches Stück Theaterhandwerk und ein szenischer Triumph, den die Regie mit großartigen, spielfreudigen Darstellern erarbeitet hat.

Was etwa die grandiose Joanne Gläsel als eiskalte Ameise und als schäbiger Händler an perfider Niedertracht ins Spiel bringt, was Julian Culemann als geschändete Grille an mitleidswürdiger Not vermittelt, was Sergej Gößner als gedemütigte „Frau in dem Kleid“ an Leid ausstrahlt, wie Theresa Martini dem „Mann mit dem gestreiften Hemd“ in kurzen Auftritten beklemmende Kontur gibt, Markus Löchner als „junger Mann“ brutale Energie verströmt und vor allem Antonia Schirmeister in ihrem anrührenden Monolog des toten Chinesen, der sein trostloses Leben in verklärender Naivität schönfärbt, beschert dem Abend zu Herzen gehende Intensität. Das macht diese Aufführung zu einem Ereignis.