In seiner Reihe zu Wissenschaft und neuen Technologien hat das Theater Pforzheim Christina Ketterings Science-Fiction Stück „Schwarze Schwäne“ auf die Bühne des Podiums gebracht. In der Inszenierung von Lisa Wildmann wird ein humanoider Pflegeroboter zur – durchaus auch unheimlichen – Lösung für ein alltägliches Problem.
Norbert Schmitz, Professor für Robotik und Künstliche Intelligenz an der Hochschule Pforzheim, gibt an diesem Samstag, 2. Mai, nach der Vorstellung bei einer „Late Night“ einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand und die ethischen und technologischen Fragestellungen dahinter. Ist das Stück überhaupt noch Science-Fiction?
Professor Schmitz, wie war Ihr Leseerlebnis von „Schwarze Schwäne“? Hat es Spaß gemacht?
Norbert Schmitz: Auf jeden Fall. Die Lektüre ist eine sehr willkommene Abwechslung zur wissenschaftlichen Lektüre, die sich ja zwangsläufig auf Fakten und viel weniger auf die Implikationen bezieht, die Roboter mit sich bringen. Besonders spannend fand ich dabei, mich in die Rolle der „Nutzer“ zu versetzen und mir selbst zu überlegen, wie ich reagieren würde.
Wie „realistisch“ ist Rosie, der Roboter?
Was den Realismus betrifft, müssen wir aktuell noch klar zwischen spezialisierten Demonstratoren und realen Bedingungen unterscheiden. Natürlich können moderne Systeme in kontrollierten Umgebungen beeindruckende, überraschende oder sogar verblüffende Leistungen vollbringen, von einer umfassenden Nutzung im Alltag sind wir – realistisch eingeschätzt – aber noch weit entfernt. Sehr realistisch ist aber die Auseinandersetzung auf der emotionalen Ebene, die wir tagtäglich mit den verfügbaren Systemen erleben.
Wie ist der Stand der Forschung oder Entwicklung, was Robotik und Pflege betrifft?
Robotik wird in der Medizin und Pflege schon seit vielen Jahren eingesetzt. Abseits der weit verbreiteten OP-Robotik ist sie aber natürlich durch Kosten und Aufwand ein Nischenprodukt. Konkret existieren mehrere Roboter, die versuchen, eine emotionale Bindung und eine unterhaltende Komponente umzusetzen. Diese Maschinen sind häufig Tieren nachempfunden, von denen keine Sprachkommunikation erwartet wird. Ebenfalls zu finden sind Roboter, die als Bezugsobjekte für erkrankte Patienten zur Unterstützung der Kommunikationsfähigkeiten genutzt werden. Diese Geräte haben durchaus eine vereinfachte menschliche Gestalt. Ein Roboter, der die manuellen Tätigkeiten des Pflegepersonals vollumfänglich umsetzt, existiert aber natürlich noch nicht.
Was ist an „Schwarze Schwäne“ noch Science-Fiction?
Abgesehen von der Tatsache, dass die technische Umsetzung ein wenig in die Zukunft blickt, muss mit Blick auf Rosie, den Roboter, gesagt werden, dass die getroffenen eigenmächtigen Entscheidungen als Science-Fiction zu bezeichnen sind. Es wird hier geschickt ein Bezug zu den Asimovschen Robotergesetzen hergestellt, die besagen, dass ein Roboter einen Menschen nicht wissentlich verletzten darf und den Befehlen eines Menschen gehorchen muss, sofern dies nicht erstgenanntem widerspricht. Daraus ergibt sich nur scheinbar ein Konflikt, der zu einer unerwarteten oder sogar falschen Reaktion der Roboter führt. Aus meiner Sicht ist eine derartig komplexe und tiefgründige Auseinandersetzung aktuell nicht möglich. Roboter sind noch nicht in der Lage, kritisch, reflektiert und selbstbewusst zu agieren.
Es herrscht bei den Künstlern und Künstlerinnen schon die Sorge, dass beispielsweise Synchronsprechen von KI übernommen wird. Sind die Schauspieler auf der Theaterbühne „in Gefahr“?
Ganz und gar nicht. Für mich sind Roboter – in welcher Form auch immer – ein wunderbares und beeindruckendes Stück Technik, das durch ein Zusammenspiel von Mechanik, Elektrotechnik und Informatik zu einem überraschenden und faszinierenden Objekt wird. Schauspieler auf der Bühne sollten die Roboter nicht als einen Ersatz, sondern eine Ergänzung ansehen. Sie können, ähnlich wie andere Innovationen aus der Vergangenheit, eine völlig neue Möglichkeit eröffnen, die entdeckt und genutzt werden will. Ich persönlich genieße es sehr, alle Facetten sowohl menschlicher Akteure als auch technischer Maschinen auf mich wirken zu lassen. Ist es nicht ein Privileg, technische Maschinen auf einem Niveau zu haben, dass wir sie als ebenbürtige Partner ansehen? pm

