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Melissa Seiler vor der Klanginstallation im Stiftschor.
Melissa Seiler vor der Klanginstallation im Stiftschor.
11.03.2016

Reuchlins Musik zieht in die Welt: Auftragskomposition geht auf hebräische Gesänge zurück

Pforzheim. Johannes Reuchlin war seiner Zeit voraus – manchmal über 400 Jahre. Denn bereits 1518 veröffentlicht er in seinem Grammatikbuch „Die Schreibweise und Artikulation in der hebräischen Sprache“ das Kapitel „De Accentibus Hebraicis“, in dem er erstmals Tonfolgen traditioneller Synagogenmusik in westlicher Notenschrift darstellt.

Diese Kantillationen, die der Rabbi beim Sprechgesang der Thora verwendet, lässt Reuchlin von seinem Freund Johann Böschenstein in Melodien fassen und von Christoph Schilling nach zeitgenössischer Renaissance-Musik vierstimmig fassen. „Das hat damals sicher nicht jedem Rabbiner gefallen“, ist sich Pforzheims Denkmalpfleger Christoph Timm sicher. Und es dauert noch bis ins 19. Jahrhundert, bis in den Synagogen zu der singulären Tenor-Stimme weitere Stimmen hinzukommen.

Was das mit Pforzheim zu tun hat? Seit einigen Jahren pflegen Stadt und Schlosskirche Kontakt zu Catalina Vicens, Spezialistin für mittelalterliche Musik. Sie hat nun – als Auftragsarbeit – diese Vorgabe Reuchlins in eine eigene Komposition einfließen lassen. Arrangiert die Versatzstücke neu, sorgt für ein zeitgemäßes Klangbild aus vier Stimmen. „Eine Musik, die vertraut und doch ganz fremdartig klingt“, sagt Timm.

Zu hören ist dieses Werk nicht nur beim Konzert am Samstag in der Schlosskirche, wo die vier Stimmen auch einzeln präsentiert werden, sondern als permanente Klanginstallation im Stiftschor. Aus vier Lautsprechern erschallt jeweils zehn Minuten lang der liturgische Gesang, der sich als Ganzes wahrnehmen lässt oder als einzelne Stimme. 10.000 Euro hat sich die Stadt dieses Auftragswerk samt vier Lautsprechern und Tonmeister-Einsatz kosten lassen und hofft nun auf Gelder vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. Und für Christoph Timm ist klar: „The Reuchlin Project“ ist ein wichtiger Botschafter Pforzheims, wird die Komposition doch unter anderem am 3. April in New York aufgeführt.