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Die interaktive Installation „YOU:R:CODE“ von Bernd Lintermann eröffnet die Ausstellung: Die Besucher erleben auf eindringliche Weise die digitale Transformationen ihrer selbst. Foto: Grünschloss
Die interaktive Installation „YOU:R:CODE“ von Bernd Lintermann eröffnet die Ausstellung: Die Besucher erleben auf eindringliche Weise die digitale Transformationen ihrer selbst. Foto: Grünschloss
Venezianischer Kronleuchter: Cerith Wyn Evans hat die prunkvolle Lampe so programmiert, dass sie blinkende Morsezeichen aussendet. Foto: Grünschloss
Venezianischer Kronleuchter: Cerith Wyn Evans hat die prunkvolle Lampe so programmiert, dass sie blinkende Morsezeichen aussendet. Foto: Grünschloss
Gefangen im System: James Bridle hat ein selbstfahrendes Auto in einen durchgezogenen Kreis platziert, aus dem das Fahrzeug nicht mehr herausfindet. Foto: Grünschloss
Gefangen im System: James Bridle hat ein selbstfahrendes Auto in einen durchgezogenen Kreis platziert, aus dem das Fahrzeug nicht mehr herausfindet. Foto: Grünschloss
25.10.2017

Sehenswerte Ausstellung im ZKM wirft Blick auf Digitalisierung

Karlsruhe. „Open Codes“ ist der Titel der neuen Ausstellung im ZKM. Doch was haben Codes mit unserem Leben zu tun? Viel, denn sonst funktioniert manches nicht: Keine EC-Karten-Auszahlung ohne Code, kein Handy-Entsperren ohne die richtige Zahlenfolge, manche Haustür, die sich ohne den richtigen Code nicht öffnen lässt.

Das ZKM wirft einen Blick zurück in die Entstehungsgeschichte der Maschinendaten und einen höchst spannenden, manchmal geradezu gruseligen Blick in die Zukunft: vom Morse- bis zum genetischen Code, vom binärem Ziffernsystem 0 und 1, das Gottfried Wilhelm Leibniz bereits im Jahr 1697 dokumentiert, bis zu synthetisierten DNA-Strängen, die in aktuellen Forschungsprojekten der kompakten Langzeitspeicherung digitaler Daten dienen. Eine hochinteressante Ausstellung, die mit 120 Kunstwerken und wissenschaftlichen Exponaten vor Augen führt, wie weit die Digitalisierung unseres Lebens bereits fortgeschritten ist – und wohin sie sich entwickeln könnte. Da ist beispielsweise die Videoinstallation „The Trial of Superdepthunderbot“ von Helen Knowles. Aufgebaut wie die Sitzreihen eines Gerichtssaals, verfolgen die Zuschauer per Kopfhörer und Videobild eine Verhandlung: Angeklagt sind in diesem fiktiven Prozess zwei Bots, also zwei Computerprogramme, die automatisch sich wiederholende Aufgaben abarbeiten, ohne dabei auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein. Aufgrund ihrer Entscheidungen kommen fünf Menschen zu Tode. Wer haftet, wer wird verurteilt? Die Algorithmen, der Programmierer, der Nutzer? Und wie ist das bei selbstfahrenden Autos, bei Drohnen? Dass die moderne Technik sich manchmal selbst ad absurdum führt, zeigt der britische Künstler James Bridle in seiner Arbeit „Autonomous Trap 001“: Er hat ein selbstfahrendes Auto inmitten idyllischer Berglandschaft in einen durchzogenen Kreis aus Salz platziert. Das Fahrzeug sitzt in der Falle, ist es doch darauf programmiert, durchgezogene Linien nicht zu überfahren.

Digitale Transformation

Einen kalten Schauer lässt die interaktive Installation „YOU:R:CODE“ von Bernd Lintermann dem Betrachter gleich zu Beginn der Ausstellung über den Rücken laufen. Denn was so spielerisch daherkommt, öffnet einen Blick in Welten, in denen der menschliche DNA-Code zum Spielball wird. Schritt für Schritt erlebt der Besucher dabei auf sechs Panels seine Transformation vom Menschen zum Code. Das beginnt mit dem eigenen Spiegelbild – das realste virtuelle Abbild, das wir uns vorstellen können. Das wird digitalisiert, mittels 3-D-Scan in einen Datensatz umgewandelt und erforscht: Wie groß ist der Erfasste, welche Haarfarbe, welche Brillenstärke hat er? Doch es geht noch weiter: Die vier chemischen Basen der DNA, als die der Betrachter dargestellt wird, bestimmen nicht nur unser Aussehen, sondern auch unseren Charakter, selbst unseren Humor, unsere Empathie. Schließlich: Synthetisierte DNA-Stränge werden zu Speichermedien für digitale Daten. So ist es beispielsweise Forschern der Universität Cambridge gelungen, die MP3-Datei einer Rede von Martin Luther King zu codieren, auf einem DNA-Strang zu speichern, der dann an der Uni Heidelberg entschlüsselt wurde – zurück zur Originaltonaufnahme. Zuletzt werden der Besucher und seine Bewegungen auf einen Bar-Code reduziert, ehe – fast schon beruhigend – die Installation Lintermanns damit endet, dass sich Umriss des Betrachters auf einem mechanischen Flip-Dot-Display materialisiert: Er wird in schwarze und weiße Plättchen übersetzt, die sich – wie bei einer Flughafen-Anzeige – hör- und sichtbar je nach Bewegung verändern. Die Welt, in der wir leben, sie lässt sich in dieser Ausstellung hautnah erfahren: ob beim Tischtennis-Spiel, beim Betrachten mit der Virtual-Reality-Brille, beim Pflanzen im „Acker-Space“ oder beim Beobachten, wie Bit-Mining-Computer nach der neuen Welt-Währung Bitcoins schürfen. Und dass bei soviel geistiger Anregung das körperliche Wohl nicht zu kurz kommt, dafür sorgt das neue Ausstellungskonzept.