Der 1948 geborene Schauspieler Edgar Selge verarbeitet das Tagebuch eines Jungen, der im Jahr 1942 mit nur 16 Jahren unter deutscher Belagerung in der russischen Metropole Leningrad (heute St. Petersburg) verhungert ist. Wie spiegelt sich die Geschichte eines Opfers deutscher Gewalt im Zweiten Weltkrieg im Leben eines Nachgeborenen?
«Wenn ich an die Zukunft denke, stehen mir die Haare zu Berge: Kälte, Hunger, Artilleriebeschüsse, Bombardierungen, aufreibende Nächte, endlose Tage, und dann: Bakterien - wer sich am ersten Tag des Angriffs retten kann, wird später verhungern, weil alle Lebensmittel in den Läden verdorben sein werden... Weiter will ich gar nicht denken, in Leningrad zu bleiben, ist der sichere Tod.»
Der Junge, der diese Worte in sein Tagebuch schreibt, ist der 16-jährige Jura Rjabinkin. Er ist hochintelligent und gebildet, liebt das Schachspiel, Kino und Theater. Noch vor kurzem schien eine vielversprechende Zukunft auf ihn zu warten. Doch im September 1941 sitzt er in der Falle. Die deutsche Wehrmacht hat Leningrad eingekesselt und will die Bevölkerung erbarmungslos aushungern. Auf über eine Million Leningrader wartet der sichere Tod durch Hunger und Kälte.
Auch Jura wird die fast zweieinhalbjährige Belagerung nicht überleben. Sein Tagebuch aber erreicht auf verschlungenen Wegen die Nachwelt. Es ist ein ergreifendes Dokument des Kampfes gegen den grausamen Hunger, die bittere Kälte und vor allem gegen den Verlust an Würde im täglichen Existenzkampf.
Den Schauspieler Edgar Selge, der seit einiger Zeit auch schriftstellerisch tätig ist («Hast du uns endlich gefunden»), hat dieses erschütternde Dokument der Leningrader Blockade nicht mehr losgelassen. Er hat es zum Ausgangspunkt seines neuen Romans «Juras letzter Winter» gemacht.
Leningrader Hungerwinter und «Sissi»-Deutschland
Das Buch erzählt nicht nur vom Überlebenskampf des Jungen, sondern verbindet beziehungsweise spiegelt Juras Geschichte mit der Biografie des Ich-Erzählers. Das aber ist ein Problem. Denn was verbindet ein jugendliches Opfer deutscher Gewaltherrschaft im Zweiten Weltkrieg mit einem alten Mann, einem Nachgeborenen des Tätervolks, der aber persönlich unschuldig ist?
Zumal Jura im Verlauf des Buchs als Dialogpartner in Erscheinung tritt, der dazu herhalten muss, die Moral des Erzählers zu hinterfragen. Diese Versuchsanordnung ist schon deshalb misslich, weil Juras Leben während der Leningrader Blockade so monströs tragisch ist, dass es unangemessen scheint, es in irgendein Verhältnis zu einem mehr oder weniger bewegten Nachkriegsschicksal in einem wieder wohlhabend werdenden und friedlichen Land zu setzen.
Leningrader Hungerwinter und «Sissi»-Deutschland: Auf der einen Seite der quälende Fiebertraum von einem einzigen Stück Butter oder Wurst sowie nagende Schuldgefühle, der Mutter einmal mehr ihre Lebensmittelration gestohlen zu haben. Auf der anderen Seite das schlechte Gewissen eines ordentlich genährten Jungen wegen einer heimlich genaschten Zitronencreme während einer Verlobungsfeier.
Selge ringt mit Juras Lebensschicksal und der eigenen Moral
Wenn der Ich-Erzähler dann noch bemerkt, dass er sich als kleiner Junge in die von Romy Schneider gespielte «Sissi» verliebt hat, dann erscheint das alles so schief, dass er es offenbar selbst bemerkt. «Und immer möchtest du mit mir gleichziehen», resümiert schließlich ein frustrierter Jura am Ende des missglückten Dialogs.
In Selges Buch geht es um Haltung, Moral und Schuld. Opfer und Täter sind klar verteilt. Doch dann platzt plötzlich der Ukraine-Krieg mitten in das unvollendete Projekt hinein und lässt es in einem merkwürdigen Licht erscheinen.
Denn anders als 1941 ist in dem gegenwärtigen Krieg Russland der Angreifer. Trotzdem unterschreibt Selge im April 2022 einen offenen Brief gegen deutsche Waffenlieferungen für die Ukraine. Als ihn daraufhin der Protestbrief einer jungen Frau erreicht, bemüht er sich um ein Treffen mit ihr und revidiert anschließend seine Meinung. Sein Buch gibt er aber nicht auf, fügt ihm vielmehr ein Kapitel über seinen Irrtum hinzu. So wird «Juras letzter Winter» auch zu einem Dokument falscher Selbstgewissheit.
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