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Die Zuschauer drängen in das Große Haus, um das Programm zu verfolgen. Seibel
Chris Murray ist „Dracula“.
13.09.2015

Silberjubiläum: Theater feiert 25 Jahre Neubau am Waisenhausplatz

Mit einem Albtraum fängt es an, mit einem Walzer um Mitternacht hört es auf – das „Silberjubiläum in der Goldstadt“. Dieses wollte das Theater Pforzheim anlässlich des 25-jährigen Bestehens seines Neubaus am Waisenhausplatz mit einem großen Open-Air-Fest feiern.

Bildergalerie: 25 Jahre Theater Pforzheim - Gebutstagsabend

Doch kaum hat die Badische Philharmonie Pforzheim unter der Leitung von Markus Huber die ersten Takte aus Mozarts „Zauberflöte“ gespielt – damit wurde das Haus schon 1990 eröffnet – fängt es an zu regnen. Die Musiker spielen weiter, auch die zwei Tänzer an der Hausfassade, die sich in einer spektakulären Spiderman-Nummer abseilen, bringen ihren kurzen Eröffnungstriumph zu Ende. Dann aber müssen Intendant Thomas Münstermann und Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen unterbrechen: „Machen wir die Pause eben gleich am Anfang“, laden die Moderatoren die Gäste ins Haus ein.

Das Gedränge im Foyer setzt sich bald im Großen Haus fort, viele stehen oben und an den Seiten, Sitzkissen werden verteilt. „So voll war das Haus noch nie“, sagt Münstermann: „Das wird jetzt immer so sein.“ Die Stimmung ist trotz Enge und offenen Türen gut, wird im Laufe des über vierstündigen Abends gesteigert. Viele Anekdoten werden erzählt. An Persönlichkeiten, die nicht dabei sein können, wird gedacht – an Manfred Berben zum Beispiel. „Er war ein Ermöglicher“, würdigt Münstermann den verstorbenen Intendant, in dessen Ära er selbst Oberspielleiter des Musiktheaters war.

Nicht nur einmal gibt es Jubelstürme, etwa beim Auftritt des langjährigen Dirigenten Klaus Eisenmann. Mit lebendigen Zeichen leitet der „Mann der ersten Stunde“ Rossinis Ouvertüre aus „Der Barbier von Sevilla“, entlockt dem Orchester klangvolle Details. Auch das Wiedersehen mit Karl-Heinz Thomamüller, der viele Jahre als komischer Darsteller in Pforzheim wirkte, fällt herzlich aus. An der Hand wird der 80-Jährige auf die Bühne geleitet, singt als liebenswerter Tevje das Lied „Wenn ich einmal reich wär“ aus dem Musical „Anatevka“.

Für Begeisterung sorgen aber auch Solisten und Schauspieler, die das Gesicht des Theaters über lange Zeit mitprägten und noch immer da sind. Lilian Huynen zum Beispiel, die zierliche Lady mit der großen Stimme. Begleitet von Frank Rosenberger und Band glänzt sie gleich mit mehreren Auftritten, etwa mit „La vie en rose“ aus „Piaf“. Roland Härdtner und sein wahnsinnig schnelles Geklöppel auf Marimba und Xylofon reißt die Zuschauer förmlich mit, ebenso Jens Peter, der als hingebungsvoll singender Eros Ramazzotti sein Hemd aufreißt. Sein Schauspielerkollege Fredi Noël, seit 34 Jahren am Theater, trällert „Marmor, Stein und Eisen bricht“ aus „Petticoat“ mit – in herrlicher Schieflage. Mit Markus Löchner, einst als „Nischenschauspieler“ tituliert, und Jens Peter gibt er witzige Erinnerungen preis. „Unverzichtbar“ ist auch Klaus Geber geworden, der seit Jahrzehnten und über seinen Ruhestand hinaus mitwirkt. Mit der „Sprecherszene“ aus Mozarts „Zauberflöte“ schlägt der 72-jährige Sänger an der Seite des neuen Ensemblemitglieds Kwonsoo Jeon und dem Herrenchor die Brücke zu heute. „Wir wollen das Theater nicht neu erfinden, sondern weiterentwickeln“, sagt Münstermann nach dem phänomenalen „Dracula“-Auftritt von Chris Murray, mit dem auch weiterhin zusammengearbeitet werden soll.

Auch die musikalischen Darbietungen von Heidemarie Brüny, Kathleen Murphy und weiteren Künstlern erinnern an das vergangene Vierteljahrhundert, ebenso die launigen Gespräche mit dem früheren Intendanten Ernö Weil, Schauspieldirektor Jan Friso Meyer oder Regisseur Gerhard Weber. Eine bewegende Rede auf das Dreispartenhaus hält Gustl Weber. „Wir waren stolz auf eine reibungslose Eröffnung“, so der pensionierte Verwaltungsdirektor, der fünf Intendanzen „überlebt“ hat. Einen vielversprechenden Eindruck machen auch die neuen Sänger und Tänzer, die einen dynamisch-jungen Vorgeschmack auf die „West Side Story“ geben. Alles in allem dürfte dieses charmant improvisierte Jubiläumsfest, bei dem am Ende doch noch der Silberregen herabrieselt, in bester Erinnerung bleiben.

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