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Versteckt im Hinterhof residiert der Kulturverein Brühlstraße 7, der auch Ausstellungen zeigt. Hier die Vorstandsmitglieder Heinz Landes (links) und Christof Grosse. Foto: Ketterl
Versteckt im Hinterhof residiert der Kulturverein Brühlstraße 7, der auch Ausstellungen zeigt. Hier die Vorstandsmitglieder Heinz Landes (links) und Christof Grosse. Foto: Ketterl
20.10.2016

Spannende Kunst nur für Eingeweihte

Drei kleine Kulturvereine sorgen in Pforzheim für höchst spannende Erlebnisse. Auch mit ganz wenig Geld wird oft Großes geboten.

Es ist fast schon ein wenig gespenstisch: Kleine Grüppchen von Menschen treffen sich nach Einbruch der Dämmerung vor der Eingangstür, die durch ein Baugerüst fast verdeckt ist. Eine Reihe von Kerzen weist den Weg ins Innere der leerstehenden Villa. Das Treffen eines Geheimbundes? Nein – ganz im Gegenteil: ein öffentliches Konzert. Wobei tatsächlich nur Eingeweihte den Weg in die Witzenmann-Villa (siehe Kasten) in der Etivalstraße finden. Wer hier zum Musikgenuss kommt, der hat sich vorher per E-Mail angemeldet – bei Chris Baranowsky.

Der organisiert die Konzerte der „Horch!“-Reihe zusammen mit Jörg Schneider von der Musikerinitiative Pforzheim (MIPF). Doch nicht nur „Horch!“ bietet Kultur für den kleinen Publikumskreis, beschert den Pforzheimern ungewöhnliche Erlebnisse – fernab von subventionierten Großveranstaltungen.

„Horch!“

„Wir veranstalten intime Konzerte mit Wohnzimmer-Atmosphäre“, sagt „Horch!“-Macher Baranowsky. Gemeinsam mit der MIPF, die sorgt auch für die Sound- und Lichtanlage, werden gezielt Orte gesucht, an denen sonst nicht die Musik spielt. „Wir bekommen immer wieder Tipps von Freunden und Bekannten“, schildert Schneider. Etwa Melanies Friseursalon „kleinkhaariert“, wo die Konzertreihe im Februar Einstand feiert. Ganz anders dann die Stimmung beim dritten Konzert in der KF: In der ehemaligen Maschinenfabrik Max Simmel wird auch ein Stück Pforzheimer Industriegeschichte erzählt. Das jüngste Konzert in dieser Woche dann in der Villa Witzenmann, die über viele Jahrzehnte ein Ort der – privaten – Kulturereignisse war und seit nunmehr sechs Jahren leer steht.

Verpflichtet hat „Horch!“ für diesen Abend das Duo Sorry Gilberto mit ganz eigenen Songs zwischen Melancholie und fröhlichen Popsongs. Anne von Keller und Jakob Dobers haben auch ihre alten Instrumente mitgebracht: das „QCord“, eine digitale Gitarre aus den 1990er-Jahren, und die Beat Machine von 1967. „Durch den intimen Rahmen gelingt es uns immer wieder, Künstler, die gerade auf Tournee sind und ein Vielfaches an Gage kosten würden, nach Pforzheim zu locken“, sagt Schneider. Das lockt natürlich auch die Besucher. Doch die müssen sich per E-Mail anmelden, erfahren, welche Band wann spielt, den Ort des Konzerts – die Spannung steigt – allerdings erst ein bis zwei Tage vorher.

Kulturverein Schulze

Begonnen hat alles mit einem Auszug: Als der Kosmetiksalon im Erdgeschoss des Jugendstil-Wohnhauses Schulze-Delitzsch-Straße 44 frei wird, hört sich der Vermieter bei Ute Metzbaur und Alex Kroll nach einem Nachmieter um. Und den beiden ist schnell klar: Statt neuem Hausmitbewohner soll es einen Kulturverein geben. Das ist nun acht Jahre her – und viele, viele Veranstaltungen. Seit dieser Zeit gibt es auch den gemeinnützigen Verein mit rund 60 Mitgliedern – „Menschen, die unsere Arbeit und das Programm mit fünf Euro im Monat unterstützen“, sagt Metzbaur. Rund 50 Plätze fasst das inzwischen zum Konzertraum umgebaute Wohn- und Esszimmer – und die sind meist schnell ausgebucht, wie gestern bei der inzwischen neunten Bluesnacht. Da spielt Hausherr und Gitarrist Alex Kroll mit wechselnden Musikern der Pforzheimer Szene.

Neben Konzerten gibt es kleine Ausstellungen, immer wieder Lesungen, etwa mit Benedict Wells vor sieben Jahren. Häufig sind auch Kollegen von Theater-Inspizientin Ute Metzbaur zu Gast: Bei den legendären Sinatra-Abenden mit Markus Löchner und Jon Goldsworthy oder am 15. Dezember bei der Lesung mit Heidrun Schweda und Jens Peter. Gerade die Musiker kommen oft auch von außerhalb Pforzheims –etwa der Gitarrist und Lyriker Toni Matysek am 26. November oder der Gitarrist Martin Müller, der am 8. Dezember seine neue Beatles-CD vorstellt. Ein gutes Getränk, ein netter Plausch – auch das gehört zur Wohlfühlatmosphäre. Und die kann auch beim Frühschoppen am 1. November mit den „Gipsys“ genossen werden. Aber auch hier gilt: Nur wer sich per E-Mail anmeldet, kommt rein.

Kulturverein Brühlstraße 7

„Eigentlich wollen wir wieder mehr machen“, sagt Christof Grosse. Aber die Zeit ist ein Problem dieses kleinen Kulturveranstalters. Denn alles wird selbst gestemmt: „Wir heizen beispielsweise mit Holzschnitzeln vom Schreiner, da müssen dann schon mehrere zupacken“, schildert Grosse. Über zwölf Mitglieder verfügt der Verein zurzeit, der eigentlich schon seit 1985 besteht. Damals noch legendär in der Hügelstraße in Brötzingen untergebracht, kam 1995 die große Pause. Der Grund: zu hohe Mietkosten.

Zwölf Jahre später starten Grosse und Künstlerkollege Heinz Landes wieder durch – in der Brühlstraße 7. Mietkosten nun: ein Euro pro Jahr. Denn die schönen Räume sind im Hinterhof neben der Werkstatt von Landes untergebracht. Und so gibt es seit neun Jahren wieder Gemeinschafts-Ausstellungen, seltener Konzerte, oder man feiert einfach „30 Jahre Punk in Pforzheim“. Seit längerem, sagt Grosse, habe man eine Ausstellung unter dem Titel „Aus dem Chemiebaukasten der Frühromantik“ geplant. Wer wissen will, wann die steigt – auch der muss ins Internet schauen.