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Atmosphärisch: Der Schauspieler Jo van Nelsen liest Hans Fallada, flankiert vom roten Grammofon und Bildern aus den 1920er- und 1930er-Jahren.  Foto: Müller 

Stimmungsvolle Zeitreise: Schauspieler und Sänger Jo van Nelsen unterhält mit Grammofon-Lesung in Dillweißenstein

Pforzheim. Gespannte Stille im ausverkauften Grünen Salon: Dann ein Knistern, ein Rauschen – und schon stellt sich dieses wohlige Gefühl der Nostalgie ein. Aus dem roten Koffer-Grammofon ertönen Original Schellack-Platten mit Musik der 1930er-Jahre. Der Schauspieler und Sänger Jo van Nelsen trägt an diesem Abend auf Einladung des Buchhändlers Uwe Mumm schöne Passagen der Urfassung des Sozial- und Liebesromans „Kleiner Mann – was nun?“ vor, mit dem Hans Fallada 1932 auf einen Schlag berühmt wurde. Sein damaliger Verleger hatte vor der Machtergreifung der Nazis politisch brisante Passagen und ganze Handlungsstränge entfernen lassen. Van Nelsen liest aus der 2016 erstmals erschienenen, um etwa 100 Seiten ergänzten Urfassung.

Er tut dies mit so viel Verve, dass es eine wahre Freude ist, ihm zu lauschen. Klar und deutlich intonierend, schlüpft er in die Rollen der Protagonisten und haucht ihnen Leben ein. In ausgewählten Kapiteln erzählt van Nelsen die Geschichten von kleinem Glück und großen Krisen in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, vom Kampf des jungen Angestellten Pinneberg und seiner Frau Lämmchen, die ein Kind erwarten, ums finanzielle Überleben. Warmherzig und dramatisch zugleich.

Van Nelsen liest nicht nur. Er umreißt die Vita Falladas, ordnet den Roman der Neuen Sachlichkeit ein, stellt die Verfilmungen vor, hält Wissenswertes und Anekdoten parat. Auf die Wand projiziert er Schwarz-Weiß-Bilder, etwa aus dem Berliner Ballhaus Resi samt Wasserspielen und Tischtelefonen. Sie versetzen die Zuhörer ebenso in die damalige Zeit wie die Walzer-, Tango- und Schlagermelodien aus dem Grammofon. So vergehen mehr als zweieinhalb Stunden wie im Flug.

Michael Müller

Michael Müller

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