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Ein bisschen Hoffnung strahlen die traurigen Lieder von Svavar Knútur aus. Aber wirklich nur ein bisschen. Da spitzt „Herr Horch“ am Bühnenrand seine Lauscher. Foto: Müller
Ein bisschen Hoffnung strahlen die traurigen Lieder von Svavar Knútur aus. Aber wirklich nur ein bisschen. Da spitzt „Herr Horch“ am Bühnenrand seine Lauscher. Foto: Müller
12.09.2018

Svavar Knútur singt traurige Lieder und erzählt witzige Geschichten

Pforzheim. Da steht er nun, der leicht zottelige Troubadour: Jeans, weißes Hemd, braune Weste und Krawatte. Svavar Knútur verzaubert die etwa 160 Zuhörer der „Horch!“-Konzertreihe im schönen Hof des Brötzinger Figurentheaters, nimmt sie mit auf eine mitreißende Achterbahnfahrt der Gefühle. Zuvor hat Gastgeber Raphael Mürle in die Welt der Illusionen entführt, mit einem Ausschnitt aus seinem Programm „Die magische Tafel“.

Um gut ins Konzert reinzukommen, startet der Isländer mit seinem traditionellen Eröffnungstrio „Weltschmerz“, „Waldeinsamkeit“ und „Wanderlust“. Es sind seine drei Lieblingsgefühle der Deutschen, wie er sagt. Wunderschön wehmütig, völlig in sich und der Welt versunken, feiert er mit seiner hohen, klaren, klassisch ausgebildeten Stimme die Sehnsucht.

Doch es wäre kein Svavar-Knútur-Konzert, wenn er die akustischen Streicheleinheiten nicht aufbrechen, das Publikum zwischen den traurigen Titeln aus den Träumen reißen und durchschütteln würde: mit Humor, schwarz und trocken wie isländische Lava-Felder. Er sei der Brokkoli unter den Singer-Songwritern. „Nicht das sexyste aller Gemüse, aber sehr gut für euch“, witzelt er in einem wilden deutsch-englischen Sprachmix. Weil es gesund ist und das Gemeinschaftsgefühl stärkt, bringt er die Pforzheimer bei den ersten Titeln zum Mitsingen. „Lady Winter“ handelt davon, wie es ist, in Island zu leben. Die Nummer sei aber auch inspiriert von der Loreley. Das Multitalent war in Gütersloh an einem Theaterstück über den legendären Fels engagiert, hat diverse Rollen gespielt und die Musik geschrieben.

In „Emotional Anorexic“ singt Knútur von seinem permanenten Kampf als Mensch. Das zärtliche „While The World Burns“ hat er („Ich mag das Bahn so sehr“) auf einer Zufahrt von Flensburg nach Hamburg geschrieben. Bei aller Traurigkeit haben seine Songs stets einen Hauch von Hoffnung. Sein „Zweitfröhlichster“ handelt von schönen Morgenstimmungen. Einfühlsam spielt der Isländer mehrere Cover-Versionen: Ella Fitzgeralds Jazz-Klassiker „Into Each Heart Some Rain Must Fall“, „Halfway Down The Stairs“ aus der Muppet-Show und „In Case Of You“ von Joni Mitchell. Sie war eine große Inspiration für ihn. Ebenso Kris Kristofferson. „Er hat mein Herz gekidnappt“, erzählt Knútur, der vor gut zehn Jahren als Journalist auf ein Konzert des Country-Musikers geschickt wurde. Von ihm interpretiert er „Help Me Make It Through The Night“.

Ansonsten zelebriert Knútur seine eigenen Fehler, die Vergänglichkeit und scherzt sich wie ein Stand-up-Comedian durchs Programm. Mit verschmitztem Grinsen erzählt er von seiner Familie, dem Geräusch der isländischen Sonne („Wie eine alte Maschine“), notorisch stoischen Landsmännern, vom Tourleben als biertrinkender Folk-Sänger und absurde Geschichten über Flachbildfernseher. Sie seien für den Tod des Rock’n’Roll verantwortlich, weil sie sich in Hotelzimmern so schlecht aus der Verankerung reißen ließen. Gelächter schallt durch die Freilichtbühne am Stadtmuseum in Brötzingen.

Vor einem Jahr überzeugte Knútur aus purer Begeisterung sein Label, den „Räuber Hotzenplotz“ erstmals auf Isländisch zu veröffentlichen. Er durfte dann auch das Hörbuch sprechen. „Ich bin also der isländische Hotzenplotz.“ Mit seiner lustigen, unnachahmlichen Art, positiver Energie, Charme und Wärme öffnet der Mann aus den Westfjorden die Herzen. Er schafft, woran manch Großer im Geschäft scheitert: Nähe und Intimität. Unweigerlich wird man zum Fan und versteht, warum Knútur gerade hierzulande unter musikalischen Feinschmeckern so viele Freunde hat.

Und weiter geht’s: Knútur hasst britische Touristen, weil sie ihn laut und besoffen in einem tasmanischen Hostel am Schlafen gehindert haben. Mit Mordfantasien im Kopf hat er ausgerechnet seinen fröhlichsten Song geschrieben: „Would You Marry Me Under An Apple Tree“.

Zum Schluss des etwa anderthalbstündigen Konzerts wird er dann doch laut. „The Hurting“ handelt davon, wie er als Schüler gemobbt wurde. Diesen Schmerz, den schreit er sich regelrecht vom Leib.