nach oben
Gibt den eitlen Medienstar: Max Volkert Martens. Foto: Maisel
Gibt den eitlen Medienstar: Max Volkert Martens. Foto: Maisel
15.03.2019

Theater um den Mr. President in Remchingen: Uraufführung des ersten Schauspiels von Stefan Zimmermann

Remchingen. Begeisterten Applaus gab es am Mittwoch in der ausverkauften Kulturhalle Remchingen für die Uraufführung von „Mr. President First“. Das Stück von Autor und Regisseur Stefan Zimmermann nimmt den irrwitzigen Wahnsinn der rechtspopulistischen Politszene in den USA aufs Korn. Mit Max Volkert Martens in der Hauptrolle lieferte das a.gon Theater München ein unterhaltsames Boulevard-Schauspiel, das nun auf Tournee durch die Republik geht.

Jacky-Cola, Burger und Hotdogs gab es vor Vorstellungsbeginn im Foyer. Das war mit USA-Fähnchen und Freiheitsstatue ganz auf „Stars and Stripes“ in rot-weiß-blau getrimmt: ein Hauch amerikanischer Wahlparty in Remchingen. Aber alles nur Theater! Passenderweise spielt Stefan Zimmermanns Schauspiel in zwei Akten mit genau solchen emotionalen Täuschungen: Entertainment und Politik verschmelzen. Ein Late-Night-Talker will ins Oval Office. Das ist Illusion und Komödie einerseits, das ist andererseits Realsatire. Die Personen des Stücks sind zwar frei erfunden, doch was sie sagen, könnte Typen wie Trump jederzeit über die Lippen gehen.

Im purpurnen Showlicht klopft Schauspieler Max Volkert Martens alias Fernsehmoderator Edward Tishler gleich zu Beginn seine populistischen Sprüche, spottet über Obdachlose und Flüchtlinge, hetzt gegen offene Grenzen. Um zu testen, wie sich ein offenes Amerika wirklich anfühlt, könne ja jeder mal verreisen und die Haustür offen stehen lassen. Wenn man nach einer Woche zurückkommt, sei die Wohnung bestimmt wunderbar – entrümpelt! Lacher werden, wie in TV-Shows üblich, vom Band eingespielt und auch im Remchinger Theaterpublikum wird über diesen und noch einige weitere Gags gern gelacht. So falsch und unschön die politische Haltung solcher Witze auch ist, so unterhaltsam und lachhaft sind sie doch.

Perfekte Rolle

Max Volkert Martens ist in seiner Rolle perfekt. Er spielt den eitlen Medienstar, der viel bis alles auf sich hält, weil er frei sagt, was er denkt. Seine Freundin Emely Harper wiederum, lebendig und frisch gespielt von Katharina Pütter, ist politisch liberaldemokratisch gestrickt. Sie erträgt aber seine Ansichten, weil sie ihn zum einen liebt, zum anderen weil Tishlers politische Meinung eben auch nicht mehr ist als ein Gag in der TV-Show. Das Stück hat Esprit und Tempo. Mit Schiebewandelementen werden Räume und Szenen schnell von Fernsehstudio zu Living-Room oder offener Straße gewechselt.

Stefan Zimmermann hat mit „Mr. President First“ ein für US-amerikanische Verhältnisse durchaus realistisches Szenario entworfen. Der milliardenschwere Strippenzieher Norman Craig – schrullig am Stock, aber mächtig und autoritär gespielt von Lutz Bembenneck – hat eine populistische Partei gegründet, die Bewegung „Für Amerika“. Craig braucht einen Präsidentschaftskandidaten mit guter Quote. Da passt ein eitler TV-Moderator bestens. In den USA sind solche Politkarrieren gar nicht so unwahrscheinlich. Da bewegt sich das Theaterstück voll im Bereich des Möglichen. Auch dass finanzstarke Rechtspopulisten vor Intrigen und Geheimdienstmethoden keinen Halt machen – geschenkt! Dass Freundin Emely sich von Tishler trennt und selbst für die Präsidentschaft beim politischen Gegner kandidiert, ist nachvollziehbar. Es macht das Stück auch spannend, weil sich alle fragen, ob das Paar am Ende wieder zusammenkommt, schließlich steuert die Handlung auf einen öffentlich-politisch auszutragenden Rosenkrieg hin.

Dramaturgischer Kunstgriff

Doch das Unwahrscheinlichste am Stück ist sein Happy End. Beide treffen am Schluss in einer Talkshow versöhnlich aufeinander. Tishler verzichtet auf seine Kandidatur. Schmachvoll sieht er ein, dass die Populisten ihn nur benutzen wollten. Dramaturgischer Kunstgriff ist ein Schuss, der alle aufschrecken lässt. Ob das vermeintliche Attentat auf Tishler echt oder ein Fake war, bleibt in der Handlung offen.

Jedenfalls spricht sich Tishler vor laufender Kamera gegen Waffenbesitz aus, appelliert, allen Flüchtlingen zu helfen, und wünscht der Menschheit eine angstfreie Zukunft. Einen so raschen Wandel vom Saulus zum Paulus gibt es in der Politik freilich nicht. Auf der Bühne geht das. Aber wie gesagt: Alles nur Theater.