Stuttgart. Während die Jazzopen Stuttgart im Hochsommer ihren Publikumszuspruch in erster Linie mit Pop- und Rockkonzerten generieren und damit immer wieder dem Verdacht des Etikettenschwindels unterliegen, setzt das Festival der Theaterhaus-Macher tatsächlich komplett auf Jazz. „Wir haben uns nicht nur ein schwieriges Genre, sondern auch einen schwierigen Termin ausgesucht“, sagt Theaterhaus-Leiter Werner Schretzmeier. Der Mann, der das Programm des traditionell über die Osterfeiertage ausgerichteten Festivals mit Wolfgang Marmulla kuratiert, ist mit einer Auslastung von über 80 Prozent hochzufrieden: Mehr als 1000 Besucher pro Tag seien in der Urlaubszeit ein hervorragendes Ergebnis, so sein Fazit über das Festival, das am Montagabend nach sechs Tagen zu Ende ging.
Einer der Gründe für die große Resonanz dürfte auch die familiäre Atmosphäre sein. „Wir sind da, man kann uns ansprechen“, sagt Schretzmeier, während er ein Taxi für Gäste herbeitelefoniert, deren Wagen abgeschleppt wurde. Im Foyer plaudern Gäste mit Bernd Konrad, der wie berichtet mit dem „Sonderpreis für das Lebenswerk“ des Landes Baden-Württemberg geehrt wurde. Andere stolpern über den in New York lebenden Jazz-Violinisten Gregor Hübner, der mit dem European New York Jazz Collective ein neues Septett vorstellte, und sich die Klinke in die Hand geben mit dem „Act“-Labelchef Siggi Loch. Oder man rennt an Magnus Mehl vorbei, der mit seinem Bruder Ferenc eine „Dschungelbuch“-Hörspielbearbeitung auf die Bühne brachte.
Neben Präsenz gilt Timing als Kardinalstugend des Jazz. Im Backsteinbau am Stuttgarter Pragsattel verbinden sich die vier Säle zu einem Festival der kurzen Wege, das ermöglicht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Etwa, wenn Patrick Bebelaar eine frappierende Interpretation von „How Insensitive“ aus dem Flügel kitzelt. Oder wenn der 90-jährige Saxofon-Altmeister Lee Konitz mit einem Trio von Musikern, die im Schnitt ein Drittel so alt sein dürften, die nonchalante Eleganz des Cool Jazz demonstriert. Am anderen Ende des Spektrums liegt der Auftritt des britischen Quartetts Sons of Kemet um den Saxofonisten Shabaka Hutchings einer der Höhepunkte – eine Energieentladung ungeheuren Ausmaßes. Unter Punk-Vorzeichen führt die Band zur Kernschmelze von Jazz, Disco, Funk, Dub Reggae und Afro Beat. Während Theon Cross mit der Tuba Druck macht, wirkt Hutchings mit seinen Improvisationseinwürfen wie ein Ausrufezeichen. Bei den zwei Schlagzeugern fliegen die Späne. Auch der sensationelle Auftritt des armenischen Pianisten Tigran Hamasyan zählt zu den Glanzpunkten. Enorm die Programmspannweite zwischen Tradition und Innovation. So manche Bühnen-Konstellation feierte auf dem Festival ihre Weltpremiere.
Neben überraschenden Entdeckungen bieten die Jazztage auch Gelegenheit zum Überprüfen bestehender Einschätzungen. Manche bewahrheiten sich, andere nicht. Ja, der Saxofonist John Surman, ist wirklich ein Elder Statesman des europäischen Jazz. Ja, Jean Luc Ponty, der mit dem Gitarristen Biréli Lagrène und Clint Eastwoods Sohn Kyle am Bass spielte, ist noch immer der Meister der elektrifizierten Jazz-Violine. Und ja, Wolfgang Haffner ist einer der besten deutschen Drummer, Sebastian Studnitzky einer der souveränsten Sidemen. Und nein, die harmlose Jazz-Party-Mucke der Nils Langren Funk Unit überzeugt nicht im Geringsten.
Dass bei einer Programmplanung, die sich auf Experimente einlässt, nicht alles gleich gut funktioniert, liegt in der Natur einer Sache, für die Jazz mehr bedeutet als swingende Unterhaltung, nämlich: Risiko, Wagnis, Fallhöhe. Während die Premiere des Duos Surman/Hawkins ausgesprochen fruchtbar geriet, fanden der Schweizer Percussionist Reto Weber und seine Gäste nur selten zusammen. Eric Schaefers Projekt Kyoto Mon Amour beeindruckte mit poetischer Tiefe, litt aber unter suboptimaler Klangbalance zwischen den europäischen und japanischen Klangwelten. Dass Frauen weitgehend auf eine Rolle am Mikrofon beschränkt blieben, hatte bereits im Vorfeld für Kritik gesorgt. „Es ist uns einfach passiert“, sagt Schretzmeier dazu und kündigt für 2019 einen Frauenanteil von über 50 Prozent an.

