Mannheim. Es fällt schwer, den Blick von den Porträts zu wenden, die in einer Mannheimer Galerie zu sehen sind. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Bilder zeigen Drogenabhängige aus der Stadt. Die Sucht hat tiefe Falten in ihre Gesichter gepflügt.
Ein Teil dieser Menschen ist in den vergangenen Monaten gestorben. Entweder aufgrund einer Überdosis oder weil der Körper nach langjährigem Konsum zugrunde ging. Für den Rest ist Tod und Krankheit ein ständiger Begleiter. „Mit Menschen in solchen prekären Lebenssituationen will kaum jemand etwas zu tun haben. Meist schlägt ihnen Missbilligung entgegen“, sagt Jonas Gieske.
Der 28 Jahre alte Sozialarbeiter arbeitet im Drogenverein Mannheim und hat mit dem Fotografen Mirko Müller das Projekt mit dem Titel „Über kurz oder lang“ auf die Beine gestellt. Es gehe ihnen darum, den Betrachtern eine neue Sicht auf die Menschen zu bieten, fügt Gieske hinzu. Monate dauerte es, bis Müller Fotos geschossen und Interviews geführt hatte. Und egal, welche Story sich hinter den überdimensional abgebildeten Gesichtern in der Mannheimer Galerie Port25 verbirgt, „die Porträts zeigen Menschen. Sucht ist nur ein einzelner Aspekt ihrer Persönlichkeit“, sagt Müller. Daher gehe es darum, Empathie zu wecken.
Aus Sicht von Experten ist das auch dringend nötig. In Zeiten großer gesellschaftlicher Komplexität gerät das Problem zerstörerischer Drogensucht in den Hintergrund, warnt etwa Philip Gerber, Geschäftsführer beim Mannheimer Drogenverein. Solange der gesellschaftliche Druck unterhalb einer gewissen Schwelle bleibt, geschehe in der Politik zu wenig, um die dramatischen sozialen und gesundheitlichen Folgen der Sucht anzugehen, sagt er. Dass die Zahl der Drogentoten im Südwesten nach jahrelangem Anstieg leicht gesunken ist und 2017 bei 160 Toten lag, könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass großer Handlungsbedarf bestehe.
„Das Thema Sucht hat in der gesellschaftlichen Diskussion ganz klar an Bedeutung verloren“, ist auch Oliver Kaiser, Vorsitzender der Landesstelle für Suchtfragen Baden Württemberg, überzeugt. Das Thema werde häufig nur mit Blick auf die öffentliche Ordnung diskutiert. Die Suchterkrankung selbst werde in einer zunehmend auf Selbstoptimierung ausgerichteten Gesellschaft als Charakterschwäche gedeutet. „Diese Stigmatisierung schadet den Betroffenen und verstärkt deren Suchtproblematik“, sagt Kaiser. Dagegen wollen Gieske und Müller Zeichen setzen. Sie planen schon weitere Ausstellungen.

