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Neuer Ballettintendant in Stuttgart: Tamas Detrich. Foto: dpa/Weissbrod
Neuer Ballettintendant in Stuttgart: Tamas Detrich. Foto: dpa/Weissbrod
14.09.2018

Tradition und Aufbruch: Tamas Detrich übernimmt Stuttgarter Ballett

Stuttgart. Auch wenn Tamas Detrich fast sein ganzes Leben mit dem Tanz am Stuttgarter Ballett verbracht hat – einfach ein „Weiter so“ soll es unter seiner Intendanz nicht geben. Der mit 59 Jahren auffällig drahtige Detrich verspricht einen Mix aus Kontinuität und neuen Akzenten für seine erste Spielzeit.

Kontinuität bedeutet für ihn zuerst die Pflege des Erbes von John Cranko (1927-1973). Der Brite war es, der das Ballett einst zu Weltruhm führte – unter anderem mit einem gefeierten Gastspiel in New York. Seither steht es für klassischen wie modernen Tanz gleichermaßen.

New York ist lange auch die Heimat von Tamas Detrich. Dort kommt er 1959 als Sohn ungarischer Einwanderer auf die Welt. „Wegzugehen von New York war eine große Entscheidung.“ 16 Jahre alt ist Detrich, als er an der Metropolitan Opera in New York zu einem Vortanzen für das Stuttgarter Ballett kommt. Schon sechs Wochen später – im August 1975 – beginnt er seine Ausbildung in Stuttgart.

Er bleibt hängen in der Schwabenmetropole. Hier leben nach dem Tod des Vaters nun Detrichs Mutter, die einst in einer Luxusboutique in New York arbeitete, und seine Schwester. Mit seiner leichten US-amerikanischen Sprachfärbung klingt Detrich ein bisschen wie sein Vorgänger Reid Anderson. Der in Stuttgart eingebürgerte Kanadier wohnt weiterhin in der Stadt. Wie Anderson steht auch Detrich für die Internationalität des Balletts mit seinen 63 Tänzern.

Ziel und Hoffnung sei es, die Compagnie größer zu machen. Er hätte gern zehn Tänzer mehr. „Es ist ein bisschen kompliziert. Aber wir sind eine große klassische Compagnie.“ Und für die Aufführung der Klassiker werde mehr Personal gebraucht. Das Stuttgarter Ballett könne Engpässe selbst kaum überbrücken. „Wir überleben durch die John-Cranko-Schule. Aber das ist nur ein Pflaster. Das ist kein Rezept“, sagt er.

Und die Pläne? Für seine erste Spielzeit kündigt Detrich unter anderem ein Wiedersehen mit dem Starchoreographen Jirí Kylián und dem Bühnenbildner Jürgen Rose an, einem langjährigen Wegbegleiter Crankos. Engagiert habe er zudem den gefragten Tänzer und Choreographen Akram Khan.

Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart als Arbeitgeber sind sicher, unter den damals 20 Bewerbern die richtige Wahl getroffen zu haben. „Wir sind überzeugt, dass er die Balance zwischen Tradition und Aufbruch hinbekommt“, sagt Kunstministerin Theresia Bauer. Bis zu seinem Bühnenabschied 2003 tanzt Detrich in Stuttgart. 2009 wird er Andersons Stellvertreter. Anderson selbst zeigt sich bei seinem Abschied nach mehr als 20 Jahren Intendanz beruhigt, dass Detrich übernimmt. Übergeben hat Anderson auch ein sanierungsbedürftiges Opernhaus als Hauptbühne des Balletts. Immer wieder hatten er und Detrich Stadt und Land aufgefordert, für die Zeit der Sanierung eine würdige Ersatzspielstätte zu schaffen.

Dass der Personalwechsel nicht komplett ohne Reibungen lief, erfährt auch die Öffentlichkeit: Die beiden Hauschoreographen Demis Volpi und Marco Goecke müssen gehen. Letzterer wirft Detrich vor, ihn als Künstler zu destabilisieren. Detrich betont, dass er seine eigene Handschrift für das Ballett finden wolle und Hauschoreographen eine sehr persönliche Sache des Intendanten seien. „Es ist meine Aufgabe, neue Impulse reinzubringen, andere Choreographen zu holen – auch als Inspiration für die Tänzer.“