Pforzheim. So vergnüglich geht es im Amtsgericht Pforzheim nicht alle Tage zu: Gläserklingen und angeregtes Geplauder im Flur, danach Theater im Großen Sitzungssaal. „Der zerbrochne Krug“, 1808 uraufgeführtes Lustspiel von Heinrich Kleist, gehört zum Standardrepertoire deutscher Bühnen, ist Bestandteil der Schullektüre und war Vorlage für zahlreiche Verfilmungen. Das Theater Lindenhof aus Melchingen auf der Schwäbischen Alb fügt einen neuen Aspekt hinzu: Seit Mai tourt die Freie Bühne mit dem Stück durch die ausverkauften Gerichtssäle des Landes. Das – auch in Pforzheim – begeisterte Publikum ist gewissermaßen Prozessbeobachter, und zwar des Prozesses, den der Dorfrichter Adam sich selbst macht.
Adam, von Bernhard Hurm als schwäbisch-knitzes, nie um eine Lügengeschichte verlegenes Schlitzohr dargestellt, hat gleich mehrfach Pech. Das Schäferstündchen, das er sich bei der jungen, resoluten Eve (Kathrin Kestler) erhofft hatte, geht schief. Auf der Flucht zerbricht Adam nicht nur einen Krug, das beste Stück von Eves Mutter Marthe, die Carola Schwelien als wahre Furie gibt, sondern verliert auch noch seine Perücke und verletzt sich am Kopf.
Zu allem Unglück reist auch der oberlehrerhafte Gerichtsrat Walter (Martin Olbertz) an, um die Geschäftsführung des Dorfrichters zu prüfen. Gerichtsschreiber Licht, bei Karlheinz Schmitt ein karrieregeiler Gockel, wittert Morgenluft und Adams Posten in greifbarer Nähe.
Marthe beschuldigt Ruprecht (Luca Zahn), den selbstbewussten Verlobten ihrer Tochter Eve, den Krug zerbrochen zu haben. Eine Gerichtsverhandlung kommt in Gang, die an Turbulenz und Irrwitz nichts zu wünschen übrig lässt. Adam schwadroniert und lamentiert und manövriert sich immer mehr ins Verderben. Zum Schluss ist das Liebespaar versöhnt, der wahre Übeltäter entlarvt und seine Intrige aufgedeckt. Die flotte Inszenierung von Franz Xaver Ott hält die Schauspieler in ständiger Bewegung. Die Bühne, der Sitzungssaal, in dem auch die Garderoben aufgebaut sind, wird komplett bespielt, umtanzt – sogar geputzt. Die Kostüme von Katharina Müller charakterisieren, ja karikieren ihre Träger, etwa der braune Cordanzug den Gerichtsrat Walter, die Jeanskutte den wehrhaften Ruprecht, der wattierte grüne Anzug den der Wirklichkeit abhanden geratenen Dorfrichter, das auffällige Hahnentrittmuster den gockeligen Licht, der steife Rock die grantige Marthe und der Püppi-Aufzug die junge Eve, sogar die Nebenrollen, Ronja Schweikert als Magd in aufreizenden Netzstrümpfen und Peter Höfermayer im legeren Jogginganzug als Ruprechts Vater.
Und da sage noch einer, die Justiz habe keinen Humor: Die Theatertournee durch die Gerichtssäle wird vom Justizministerium unterstützt.

