Fernand Légers Ölgemälde „Constructeurs“ von 1951. obs/ZKM
Im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) wird das Werk „Az öt erzek (Izleles) “ von Joe Tilson aus den Jahren 1968/69 präsentiert. Es ist Teil der Ausstellung „Kunst in Europa 1945–1968“. Deck
Kultur
Umfangreiche Schau „Kunst in Europa 1945–1968“ im ZKM
  • Sandra Pfäfflin

Wenn der französische Künstler Yves Klein für seine berühmten Körperabdruck-Bilder zu den Klängen eines klassischen Orchesters eine Reihe junger nackter Frauen auftreten lässt, die ihre Körper mit blauer Farbe bemalen, um mit ihnen Wände und Boden zu bedrucken, dann mag das 1960 als pure Lust an der Provokation verstanden worden sein. Doch der Hintergrund für Kleins „Anthropometrien“ ist ein tragischer: Es ist die Fotografie eines Menschen in Hiroshima, von dem nach dem Abwurf der Atombombe nichts übrig blieb als der Staubabdruck seines Schattens auf einer Mauer.

Eindrücke, das zeigt die Karlsruher Ausstellung „Kunst in Europa 1945–1968“ auf, die sich während Kleins Japan-Aufenthalt 1953 in sein Gedächtnis gebrannt haben. Mit über 520 Werken von 250 Künstlern aus 25 europäischen Länder ist die Ausstellung im ZKM ein Mammut-Projekt – doch gerade angesichts der schier erdrückenden Fülle an Arbeiten sind es diese kleinen, fast intimen Momente, die diese Schau zu etwas Besonderem machen.

Sie beginnt mit dem Jahr 1945: „Dem Nullpunkt des Seins und des Sinns“, sagt Kurator Peter Weibel. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, zitiert Weibel den Philosophen Theodor Adorno und zeigt auf, wie sich die europäische Kunst der Nachkriegsjahre immer mehr vom Gegenständlichen, von der Repräsentation abwendet. Hin zur Abstraktion, zur Zerstörung des Bildes und der Leinwand. „Die Unfähigkeit, das Trauma des Krieges und der menschlichen Gräuel zu bewältigen“, sagt Weibel, führe zur Autoaggression der Künstler gegenüber ihrer Arbeit. Das Ergebnis: Gitarren werden zertrümmert, Leinwände aufgeschlitzt und verbrannt. All das präsentiert die Ausstellung mit einer Fülle von Beispielen, zeigt auf, wie Künstler auf den Schmerz reagieren. Etwa Pablo Picasso mit seiner leidvollen Skulptur „Nu au divan“ oder Vladimir Tatlins mit seinem Gemälde, in dem der Mensch nur noch als Stück Fleisch erscheint. Und schließlich verschwindet das Bild für lange Zeit, ist nicht mehr die Leinwand, sondern die Tafel der Mittelpunkt des künstlerischen Interesses. Eindringlich umgesetzt in dem dreidimensionalen Werk „Schwarzer Stacheldraht auf Schwarz“ des niederländischen Künstlers Armando, der damit auf seine Jahre in einem Gefangenenlager rekurriert. Oder Günther Uecker mit seinen gewaltvollen Nagelbildern.

Doch dann entdecken, so Weibel, Künstler „die Realität der Bewegung“, wie Jean Tinguely mit seinen Fantasiemaschinen. Nicht mehr zu Boden, sondern in den Himmel schauen will die Kunst der 1960er – die Gruppe ZERO entsteht: Null, ein Neuanfang. Nun sprechen die Objekte zum Betrachter, nicht mehr die Empfindung des Künstlers. „Fill with your own imagination“ hat der deutsche Künstler Arthur Köpcke 1963 in den leeren Raum seines Bildes geschrieben. Der Betrachter ist aufgefordert, die Kunstwerke selbst zu gestalten: „Bitte berühren!“ Was fast zwangsläufig folgt, sind Konzept- und Medienkunst – mit einer Vielzahl von Filmen und spannenden Installationen im ZKM dokumentiert.

Doch was die Ausstellung „Kunst in Europa 1945–1968“ zu mehr als nur einem kunsthistorischen Abriss macht, ist ihre politische Dimension: „Es ist die erste große Schau, die die gemeinsame Entwicklung der Kunst in Ost und West zum Thema hat“, sagt Weibel. Die einen intensiven Blick über den Eisernen Vorhang wirft und feststellt, dass die Entwicklungen meist erstaunlich parallel verliefen – trotz Sozialistischem Realismus und Prager Frühling. Und die Schau zeigt – auch das ist dem ZKM-Chef wichtig: „Dies ist eine Ausstellung, die die kulturelle Souveränität Europas nach 1945 ins Licht rückt.“

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