The Dark Tenor (Foto) kann und will den Graf nicht ersetzen. Foto: Bruno Knöller
Kultur
Unheilig mit Der Graf oder unheimlich mit Dark Tenor
  • Bruno Knöller

Stuttgart. Eigentlich muss fast jeder Mensch in seiner Funktion ersetzbar sein – zumindest einigermaßen. Eigentlich! Doch „Der Graf“, der sich vor zwei Jahren aus der Musikszene verabschiedet hat, ist es für die eingefleischten Unheilig-Fans definitiv nicht. Dies zeigt schmerzlich der Auftritt der drei verbliebenen Bandmitglieder gemeinsam mit der neuen Stimme, The Dark Tenor, und dessen Formation in der Stuttgarter Konzerthalle „Im Wizemann“.

Dabei erleben die rund 1000 Fans mit The Dark Tenor (sein bürgerlicher Name bleibt geheim) einen außergewöhnlichen Sänger. Doch die geschulte Opernstimme des Tenors, der schon im Dresdner Kreuzchor und im Chor der dortigen Semperoper mitwirkte, ist eben völlig anders als all das, was alle von dem Bassbariton des „Grafen“ in den Ohren haben.

„Ich komme von der Klassik“, macht der smarte US-Amerikaner deutlich, der zweisprachig in Deutschland aufgewachsen ist. Und er wirbt dafür, die Oper jungen Menschen näherzubringen: „Nicht gerade den Parsifal von Wagner, aber vielleicht die Zauberflöte von Mozart.“ Mit Anleihen aus Tschaikowsky „Schwanensee“ in seinem Song „After The Nightmare“ schafft er eine rockige und damit ganz andere Annäherung an die Klassik, wie man sie gewohnt ist. Dagegen steht oder stand Unheilig eher für einen Mix aus den Stilrichtungen Gothic, Neue Deutsche Härte, Pop, Elektro-Rock, Heavy Metal und am Ende sogar Schlager.

Es ehrt den Dark Tenor, dass er sich zunächst mit seinen eigenen Kompositionen zurücknimmt und zum Auftakt mit „Wir sind alle eins“, „Alles hat seine Zeit“, „Hab’ keine Angst, ich bin da“ und „Ein großes Leben“ vier Unheilig-Hits präsentiert. Als Zugabe darf „Geboren, um zu leben“, der Hit aller Unheilig-Hits, nicht fehlen, nachdem er Beethovens „Ode an die Freude“ geschmettert hat.

Die am Sonntag endende gemeinsame Unheilig- und The-Dark-Tenor-Tour durch 15 Städte ist von den Veranstaltern als einmaliges Experiment angekündigt worden. Das sollte es auch möglichst bleiben. Sonst könnte es sein, dass die Anhänger des Grafen dessen Band Unheilig irgendwann in „Unheimlich“ umbenennen. Dagegen hätte ein richtiges und ausschließliches Dark-Tenor-Konzert der rockig-klassischen Art durchaus seinen Charme. Es muss ja nicht um jeden Preis alles gesungen und gespielt werden.