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Alfred Müller vor einem Selbstporträt (1994) in der Galerie zum Hof. Foto: Meyer.
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. . . wo er mit einer Schaufensterpuppe auch eine Atelier-Situation installiert hat.
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Ornamental wirkende Flächen: Die Ausstellung „Las Coloradas“ zeigt Gemälde mit Bezügen zu folkloristischen Farben und Mustern mexikanischer Bildkultur. Foto: Meyer

Videopremiere: Exklusive Einblicke in Alfred Müllers Ausstellung im Kunstverein

Pforzheim. Farbenfroh, von satter Materialität und großer Motiv-Vielfalt: Alfred Müller bespielt die Räume des Kunstvereins so enorm bunt wie lange nicht mehr. Am Freitagabend eröffnet er seine Ausstellung. Nach 2002 ist es seine zweite im Reuchlinhaus.

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Bildergalerie

Farbenfroh und vielfältig: Alfred Müllers Ausstellung im Kunstverein

58, schlank, schwarze Lederjacke, Baseball-Mütze, weiße Sneakers, lässiger Auftritt in Sozialen Netzwerken – Müller wirkt glatt 20 Jahre jünger. Kaum zu glauben, dass derselbe Pforzheimer Künstler noch 2015 die Reduktion von Farbe als Seherlebnis zelebrierte und per Ausstellungstitel provokativ behauptete, Farbe sei Kitsch. Angeregt durch die kühlen Stahlskulpturen von Jeff Koons, überdeckte er seit Ende der 1990er-Jahre seine sowie die Gemälde anderer Künstler konsequent mit silberner Sprühfarbe. Er stellte damit die Sichtbarkeit und visuelle Kraft von Bildern genauso infrage wie ihren Wert in einem immer globaler werdenden Kunstmarkt.

Inspirationsquell für die aktuelle, nach einem Naturreservat auf Yucatán („Las Coloradas“) benannte Ausstellung war eine Reise im Winter 2016/17. Mit einer Art Burnout sei er nach Mexiko geflogen. Jeden Tag Sonne, blauer Himmel, exotische Pflanzen und Tiere, belebte Städte und: Alles ist bunt. „Der maximale Kontrast zu Pforzheim im Winter. Selbst die abgeblättertste Fassade war furchtbar ästhetisch“, erinnert sich Müller. Flip-Flops, die Axt in der Hand, der streunende Hund, der Flamingo, der Pelikan – diese, zumeist von ihm fotografierten, Motive finden sich in seinen Arbeiten wieder. In den plakativen Bildsymbolen verdichtet Müller folkloristische Farben und Muster lateinamerikanischer Bildkulturen. Dabei schwingen gesellschaftspolitische Themen mit: Ein Stacheldraht stellt Donald Trumps Mauerpläne an der mexikanischen Grenze infrage, eine Schlafmohn-Kapsel weckt Drogen-Assoziationen.

Diese Alltagsmotive organisieren die jeweilige Bildkomposition: Müller umrandet sie mit Sprühfarbe, dann umkreist er sie mit einzelnen Pinselstrichen. Dabei überlässt er nichts dem Zufall. „Ich entscheide über die Farben, ihre Konsistenz, die Breite und Dicke der Striche“, sagt er. Die reliefartig aufgetragenen Linien füllen schließlich die Leinwand als ornamental wirkendes Flächengefüge.

Müllers Bilder zeugen von einer großen Lust und Schaffenswut. Durch stunden- und tagelanges Tupfen und Drehen der Farben hat er sich eine Schleimbeutelentzündung im Ellbogen zugezogen, die erst allmählich abheilt. 16 Bilder sind entstanden. An einem habe er drei Wochen lang gearbeitet, Tag und Nacht. Als Leiden, als künstlerische Katharsis, habe er dieses Von-der-Seele-Malen aber nicht empfunden. „Es war für mich wie Meditation“, sagt er. Er habe einen entspannten Flow erreicht und, beschwingt vom heißen Sommer 2018, häufig die Zeit vergessen. In der Galerie zum Hof gibt Müller in einer Atelier-Installation Einblicke in seine Arbeit: Eine Schaufensterpuppe in seinen Malerklamotten steht an einem Kreis aus Farbtuben und Papp-Paletten. An der Wand hängen sechs Selbstinszenierungen aus früheren Schaffensphasen.

Im Hauptteil der Ausstellung hat Müller mit 30 weißen Monobloc-Stühlen ein inszenatorisches Bild geschaffen. Jeder ist unter der Sitzfläche signiert und mit einem Ort auf Yucatán betitelt, den er auf Reisen besucht hat. „Für mich ist der Plastik-Klassiker ein Symbol von einfachem Leben, Armut, aber auch Geselligkeit und Lebensfreude. Für meine Zeichnung ist er aber eine Art Leerstelle in unserer Welt, vergleichbar mit einem weißen Shirt.“ In seinen Arbeiten sind exakt jene Leerstellen, die freibleibenden Umrisszeichnungen, das eigentliche Motiv.

Müllers Großformate wirken wie aus einem Guss, aber jedes mit anderer Farbigkeit und Struktur – ein kraftvolles Statement von Malerei. Die Farben und der unperspektivische Bildaufbau erinnern an die fauvistische Avantgarde zum Anfang des 20. Jahrhunderts, durch exakt konstruierte Bildräume und akkuraten Farbauftrag wirken sie jedoch weniger expressiv. Klare Linien, Flächigkeit und Graffiti-Elemente lassen auch an Keith Haring denken. „Die Arbeiten verzahnen souverän unterschiedliche Bildsprachen, zwischen Abstraktion und Figuration“, lobt Kunstvereinsleiterin Bettina Schönfelder Müllers großes malerisches Erfahrungswissen.

Der Künstler Alfred Müller: Geboren 1960 in der „Breisgau-Perle“ Kenzingen, studiert Müller 1981 bis 1986 an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Georg Baselitz. Anfang der 1990er-Jahre beginnt er in Einzel- und Gruppenausstellungen, den Kontext der Kunst zu thematisieren, Malerei distanziert und kritisch zu reflektieren. Von Berlin zieht Müller mit seiner Partnerin nach Pforzheim. Nachdem er jahrelang, distanziert von der Kunstwelt, als Backstage-Fotograf große Modeschauen künstlerisch aufarbeitete, entdeckt ihn die Kienzle Art Foundation in Berlin 2013 wieder. Müller arbeitet in einem lichtdurchfluteten Atelier an der Östlichen 11, einem der landläufig ungeliebten grauen Blöcke, die für das Innenstadt-Ost-Projekt abgerissen werden sollen. Zuvor war er im Rowi-Gebäude an der Bleichstraße. Zuletzt stellte er im LAF aus und war 2017 an „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ in der Pforzheim Galerie beteiligt.

„Las Coloradas“ von Alfred Müller wird am Freitag, 15. Februar um 20 Uhr im Kunstverein Pforzheim im Reuchlinhaus an der Jahnstraße 42 eröffnet. Die DJs Burak und Firat vom Sense Kollektiv legen bis 23 Uhr auf. Die Schau ist bis 22. April dienstags bis sonntags und feiertags von 10 bis 17 Uhr zu sehen.