Pforzheim. Am Ende reißt es fast alle von den Stühlen. Nachdem die ein oder andere Träne getrocknet ist, sind stehende Ovationen und Bravo-Rufe der Lohn für eine großartige Leistung des gesamten Ensembles. Das Theater Pforzheim hat bei der Premiere des zwischen Schauspiel, Melodram und Musiktheater changierenden „Doktor Schiwago“ am Freitagabend in restlos ausverkauftem Haus mit fast 100 Mitwirkenden alle Register gezogen.
Die Grammy-Gewinnerin Lucy Simon (Musik) und Autor Michael Weller (Buch) gliederten die wichtigsten Stationen des Romans von Boris Pasternak (1956), den David Lean 1965 als großes Opus verfilmte, in griffige Einheiten. Das Musical wurde 2011 am Broadway uraufgeführt, wo es floppte. Mit der deutschen Erstaufführung landete die Oper Leipzig Anfang des Jahres wiederum einen Erfolg. Das Stadttheater hat deren Drei-Stunden-Stück um 45 Minuten plausibel gestrafft und bei der Musik- und Bühnen-Verlagsgesellschaft autorisieren lassen, so dass die Pforzheimer Version nun offiziell nachspielbar ist.
Das Theater Pforzheim bringt den russischen Klassiker Dr. Schiwago als Musical auf die große Bühne. Das Publikum darf sich auf bildgewaltige Szenen und eine überwältigende Liebesgeschichte freuen.
Szenenwechsel im Minutentakt
Eindrucksvoll schon die Exposition: Nahezu im Minutentakt wechselt das Geschehen zwischen Massenszenen und intimem Spiel. Trotz aller Rasanz verliert die Regie von Tobias Materna, der viele große Bilder entwirft, nie die Übersicht. Die diversen Schauplätze werden gut vermittelt. Immer wieder erzählt eine Figur die Rahmenhandlung, anfangs etwa der opportunistische Politiker Viktor Komarovskij, sehr präsent dargestellt von Spencer Mason.
Aufgewachsen im russischen Zarenreich, gerät Jurij Schiwago in den Wirren von Krieg und Revolution zwischen die Fronten – nicht nur zwischen zwei Regimen, sondern auch zwischen seiner Ehefrau Tonia und der geheimnisvollen Lara. Doch auch Laras Jugendfreund Komarovskij und ihr Ehemann „Pascha“ Antipov kämpfen um ihr Herz. Die auf Jahrzehnte angelegten, dramatischen menschlichen Verstrickungen von Schicksalen der Liebe, Entsagung, Hörigkeit, Hass und Verzweiflung, aber auch gesellschaftlichem Stand, Politik und Besitz zeigen ein raues Panorama des Übergangs Russlands vom Zarenreich zum Stalinismus.
Das Stück beleuchtet Krieg und Liebe zu etwa gleichen Teilen. Doch trotz der politischen Dimension geht die Pforzheimer Inszenierung ans Herz – was auch an Lucy Simons großem Quell an Melodien liegt. Ohnehin gibt es nur wenige Momente, in denen keine Musik erklingt: Da gibt es romantische Balladen ebenso wie Folkloristisches – und natürlich das berühmte, auf russisch gesungene „Laras Theme“ aus der Feder des Filmkomponisten Maurice Jarre. Simons harmonisierte, gut rhythmisierte sinfonische Partitur bedient in bester Musical-Manier große Gefühle. Bei der Badischen Philharmonie unter der Leitung von Philipp Haag ist sie in guten Händen.
Mitreißende Massenszenen sorgen für optischen Genuss. Opernchor, Extrachor und Statisterie begeistern nicht nur mit wuchtigem Gesang. Die Mitglieder agieren in verschiedenen Rollen. Sie schauspielern und beeindrucken mit Tänzen, die Janne Geest schön und stimmig choreografiert hat. Das luftige, reduzierte Bühnenbild (Jörg Brombacher) lässt der großen Spielfreude viel Raum: Eine aus Bögen und Leitern bestehende, flexible Holzkonstruktion deutet die Schauplätze an. Diese Kargheit lässt die Opulenz der üppigen Kostüme zur Geltung kommen. Ruth Groß hat eine Vielfalt von 300 historischen Gewändern entworfen – allein das Umziehen der Akteure in Minutenschnelle ist ein logistischer Kraftakt.

„Doktor Schiwago“ feiert Premiere am Theater Pforzheim
Das Zeug zum Traumpaar
Die beiden Hauptrollen sind mit Gästen exzellent besetzt – sie haben das Zeug zum Traumpaar. Den fordernden Charakter des schneidigen, schnauzbärtigen und für seine Dichtung lebenden Jurij Schiwago stellt Kurosch Abbasi mit klarem Bariton und großem Charisma dar: zerrissen und verzweifelt. Femke Soetenga gibt eine leidenschaftliche, beseelte Lara. Ihr Sopran bringt so manche Melodie zum Leuchten. Und Herzen, gerade im intimen Duett mit Abbasi. Stamatia Gerothanasi überzeugt als tragische Figur der betrogenen Ehefrau Tonia, auch wenn die spannende Konstellation der Frauen nur angedeutet werden kann. Vor allem im zweiten Akt tritt Julian Culemann als Pawel „Pascha“ Antipov immer stärker auf, der zwar das politische System verändern will, sich aber von seinen emotionalen Verletzungen mitreißen lässt.
Die innere Spannung und das Dilemma zwischen politischer Überzeugung und Gefühlen zieht sich wie ein roter Faden durch das Musical, das zurecht so begeistert aufgenommen wird. Auch ohne die technischen Möglichkeiten großer, spezialisierter Bühnen bietet das Theater der „Musical-Stadt“ Pforzheim einen atmosphärischen Abend im russischen Schnee, der auch mit kurzweiligem, hohem Tempo nie an Intensität und Dramatik einbüßt.


