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Gleichmäßig fließender Gesang: das Ensemble Servir Antico in der Nordkapelle der Schlosskirche.
Gleichmäßig fließender Gesang: das Ensemble Servir Antico in der Nordkapelle der Schlosskirche. © Molnar
14.03.2016

Vokalensemble Servir Antico brachte Hommage an Reuchlin zur Uraufführung

Pforzheim. Dieses Konzert in der Schlosskirche ist einzigartig: Es vereint nicht nur den traditionellen Synagogengesang mit der polyphonen Renaissancemusik, es bezieht auch andere Kulturen mit ein, erklingt in Hebräisch, Latein und Arabisch.

Und es eröffnet dem Publikum neue Höreindrücke, wird doch vorrangig von der Nordkapelle aus gesungen. „The Reuchlin Project“ stellt eine Hommage an den Humanisten aus Pforzheim dar. Denn Johannes Reuchlin wollte bereits vor 500 Jahren die Gotteslieder der Juden erschallen lassen. „In der ‚Woche der Brüderlichkeit‘, am Abend des Sabbats, wird das Wirklichkeit“, freut sich Denkmalpfleger Christoph Timm. Von einem „musikalischen Leckerbissen“ spricht Pfarrerin Heike Reisner-Baral, die sich ein friedliches Miteinander in Pforzheims bunter Stadtgesellschaft wünscht.

Im Mittelpunkt des Konzertes steht die Uraufführung des Auftragswerkes „De Accentibus Hebraicis“ von Catalina Vicens, das von dem international besetzten Ensemble Servir Antico in zwei Teilen vorgetragen wird. Es handelt von der biblischen Schöpfungsgeschichte, aber auch von der Hoffnung auf ein neues Leben. Die chilenische Komponistin und musikalische Leiterin aus Basel, die den Abend mit Orgelmusik aus dem 16. Jahrhundert ergänzt, hat ihrer vierstimmigen Vokalkomposition die von Reuchlin notierten, liturgischen Melodien zugrunde gelegt und diese weiterkomponiert. Reuchlin hatte die einstimmigen Sprechgesänge der Juden 1518 erstmals aufgeschrieben und sie von Johannes Böschenstein (1472–1540) vierstimmig fassen lassen. Die wichtigste Stimme, die des Tenors, ließ er unverändert.

Mit andächtiger Ruhe und gleichmäßig fließender Mehrstimmigkeit bringen die Sänger – Altus Olivier de Narnaud (Frankreich), Diskant Franz Vitzthum (Deutschland), Bass Jedediah Allen (USA) und Tenor Tore Tom Denys (Belgien) – das motettenartige A-cappella-Werk zur Geltung. Zart hebt sich die helle Altus-Stimme mal über den anderen ab, doch alles ertönt in harmonischer Geradlinigkeit.

Zweistimmige Klagelieder

Wehmütig und introvertiert wirken die eingeschobenen, teils zweistimmigen Klagelieder verschiedener Komponisten des 15. und 16. Jahrhunderts. Darin wird die Zerstörung Jerusalems beklagt. Eindringlich zudem die zwei Soli des Altus: Bei dem rituell wirkenden Gesang „Ama nû moryô“ in aramäischer Sprache, der Ursprache der Juden, durchquert er den Mittelgang der Kirche, begleitet von zwei Handtrommeln. Die Anbetung Allahs ist bei einem Gesang aus der arabischen Tradition herauszuhören, den der Sänger mit zittrig-nasaler Stimme steigert. Nach dem Konzert ließen sich die Zuhörer noch von der Klanginstallation im Stiftschor beeindrucken.