Stefanie Wally in der Titelrolle des Stücks „Hannah Arendt - Ich will verstehen“, das am Kulturhaus Osterfeld uraufgeführt wurde. Foto: Winfried Reinhardt
Kultur
Welturaufführung von „Hannah Arendt – Ich will verstehen“ im Osterfeld
  • Robin Daniel Frommer

Pforzheim. Laute Bravo-Rufen krönen am Donnerstagabend die Welturaufführung des Theaterstücks „Hannah Arendt – Ich will verstehen“. Das Osterfeld-Publikum feiert Stefanie Wally in der textreichen Titelrolle – und das hochmotivierte Ensemble mit langanhaltendem Applaus. Margarethe von Trotta und Pamela Katz unterstützen die jüngste Produktion des Amateurtheatervereins durch die Rechteübertragung am Drehbuch ihres 2013 entstandenen Spielfilms an Wally – auch Autorin des Bühnenstücks.

Die Besucher der Aufführung erleben in der Regie von Wally und Magda Dachner die deutsch-jüdische Publizistin Hannah Arendt (1906-1975), ihren Mann Heinrich Blücher (gespielt von Michael Pott) und einige ihrer engsten Vertrauten – Lotte Köhler (Regina Haase), Mary McCarthy (Franziska Schäffler), Charlotte (Melanie Kalcher), den Philosophen Hans Jonas (Peter Stickel) und Verleger William Shaw (Matthias Brick) – im New York der beginnenden 1960er-Jahre. Der Lebensweg der unangepassten Denkerin kreuzt sich zeitlich mit dem des ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (1906-1962), denn dem israelischen Geheimdienst gelingt es zu dieser Zeit, ihn aus seinem Exil in Argentinien zu entführen.

Wegen seiner Mitschuld an der Vertreibung, Deportation und Ermordung von sechs Millionen Juden steht er in Jerusalem vor Gericht und sieht seiner Hinrichtung entgegen, als die Zeitschrift „The New Yorker“ die Prozessbeobachtung an Hannah Arendt delegiert, die 1933 selbst nur mit Glück aus Gestapo-Haft entkommen konnte. Die New Yorker Freunde und Vertrauten diskutieren ihre Entsendung nach Jerusalem kontrovers. Die Artikel der Kettenraucherin und ihr späteres Buch „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ werden heftig kritisiert, teils zerrissen, da sie dem bürokratischen Erfüllungsgehilfen Eichmann „keine dämonische Tiefe abgewinnen kann“, sondern ihn als „schockierend mittelmäßig“ beschreibt. Außerdem beleuchtet Arendt die Rolle der jüdischen Räte bei der Organisation der Deportation kritisch. Stefanie Wallys Theaterstück schlägt, deutlicher als von Trottas Film, die Brücke in die Gegenwart. Sätze wie „Ich bin ja kein Antisemit, aber …“ sind auch heute in mancherlei rassistischer Variation verwerflicher Teil der gesellschaftlichen Diskussion. In weiteren Rollen sind zu sehen: Fritz Schönthaler, Barbara Herb und Vivien Lutz. Das an die Bauhaus-Architektur erinnernde Bühnenbild stammt von Frank Willmann.

Weitere Vorstellungen: 10. und 11. Juli sowie im Februar 2022.

www.kulturhaus-osterfeld.de