Maniküre
In «Frag nach Susan» erhalten die Mitarbeiterinnen eines Nagelstudios eine eigenwillige Stimme. (Symbolbild)
picture alliance / ZB
Bücher
Wenn alle Susan heißen: Roman über Alltag im Nagelstudio

Ein einziger Arbeitstag genügt, um eine ganze Gesellschaft sichtbar zu machen. In Souvankham Thammavongsas Debütroman «Frag nach Susan» (englisch: «Pick a Colour») führt die asiatischstämmige Ning ihr Nagelstudio in einer westlichen Stadt. «Das Geschäft muss laufen, rein und raus, rein und raus. Zwanzig Minuten Maximum.» In diesem Mikrokosmos scheint zu gelten: Wer am Ende bezahlt, glaubt über den Raum und über die Menschen darin zu verfügen.

Maniküre
In «Frag nach Susan» werden Kundinnen als Erstes aufgefordert, sich eine Lackfarbe auszusuchen. (Symbolbild)
picture alliance / dpa

Ning und ihre Mitarbeiterinnen Mai, Noi und Annie tragen dieselben schwarzen Kleider, Frisuren und Schilder mit dem Namen Susan. Für die Kundschaft sind sie austauschbar. Die Hände, die anderen Schönheit verkaufen, gehören Frauen, die kaum wahrgenommen werden. «Sie weiß, welche Nagellackfarbe sie will, wer ihre Freundinnen sind, wo sie sitzen will, wo sie zahlen muss. Sie hat sogar die Straße draußen im Blick. Die Uhrzeit. Nur mich nicht», heißt es einmal von der 41-jährigen Ich-Erzählerin Ning.

Beim Feilen, Lackieren und Zupfen beobachten die Unsichtbaren aber zurück. Eine Kundin etwa bemerkt nicht, dass sie über ihren Namen lästern. «Wir klingen, als würden wir uns einfach unterhalten. Das tun wir auch, nur eben über sie.» Präzise registrieren die Frauen Eitelkeiten und Ängste ihrer Kundschaft.

Salon als Ort der sozialen Erkenntnis

Das Setting erinnert an Katja Oskamps Bestseller «Marzahn, mon amour» über ein Fußpflegestudio im Ostberliner Neubauviertel. Aber anders als die deutsche Autorin, die aus ihren Lebensgeschichten eher ein warmes Gemeinschaftsbild formuliert, setzt Thammavongsa schärfer und konfrontativer auf die Entlarvung von Privilegien.

In «Frag nach Susan» lagern sich Migration, Klassenzugehörigkeit, Rassismus und Geschlechterverhältnisse in scheinbar nebensächlichen Begegnungen ab. Besonders wirkungsvoll: Die Kundschaft hat keine eigene Stimme, sondern wird über Nings knappe, trockene Sätze gefiltert. Dabei idealisiert die Autorin ihre Hauptfigur nicht. Sie darf scharf, stolz, ungerecht und verletzlich sein.

Eine scharfe Stimme für die Unsichtbaren

Thammavongsa, die 1978 als Kind laotischer Geflüchteter in Thailand geboren wurde und im kanadischen Toronto aufwuchs, schreibt einen Roman der Selbstbehauptung. Aus lakonischem Humor und kontrolliertem Schweigen entsteht eine Prosa, die zugleich minimalistisch und psychologisch tief ist.

© dpa-infocom, dpa:260830-930-603787/2

VG WORT Zählmarke