Pforzheim. Das leise Rauschen der Klimaanlage, ein paar Wortfetzen vom Bühnenhintergrund, ansonsten: Stille. Vier Männer – alles Kollegen der schreibenden Zunft – sind im über 500 Plätze fassenden Großen Haus des Theaters Pforzheim so verteilt, dass es kaum Blickkontakt gibt. Die Stimmung bei dieser fast menschenleeren Premiere von Robert Seethalers Stück „Der Trafikant“? Seltsam, fast gruselig. Das macht der kurze Auftritt von Intendant Thomas Münstermann auf der Bühne auch nicht besser. Mit sonorer Stimme verkündet er: „An diesem Abend soll Theater für sich selbst sprechen. Das ist die Stunde der Schauspieler.“
Wie sehr sie von diesem coronabedingten Leerstand beeinflusst sind, lässt sich nur erahnen. Eine leichte Nervosität am Anfang, winzige, kaum wahrnehmbare Hänger. Dabei beginnt alles so fröhlich: Beim Bierfest am Attersee tanzt ein Pärchen als Schattenschnitt auf der großen Leinwand. Eine Jugend geht hier im Jahr 1937 in Österreich zuende. Die von Franz Huchel. Seine alleinerziehende Mutter, die ihren „Gönner“ verloren hat, schickt ihn in die Stadt.

Nach Wien, in eine Trafik. Dort lernt er von Otto Trsnjek nicht nur, die Qualität von Zigarren zu erkennen und schätzen, sondern auch die der Zeitungen. Siegmund Freud ist einer der Kioskkunden, der zum väterlichen Freund wird. Und der ihn kuriert: von der Einsamkeit, dem Liebesleid, den nächtlichen Alpträumen. Auch wenn er eigentlich der Auslöser dafür ist, hat er Franz doch empfohlen, sich ein Mädchen zu angeln. Nur ist der Junge vom Land für die wilde Anezka nur das „Burschi“, dem sie mal körperliche Nähe, dann auch wieder schroffe Abweisung entgegenbringt.

Unterlegt ist Franz’ Chaos der Gefühle von einer immer stärker aufgeheizten politischen Stimmung, von der Machtergreifung Hitlers, die auch das Leben des inzwischen gereiften jungen Mannes auf den Kopf stellt. Otto Trsnjek wird denunziert und stirbt in den Fängen der Gestapo, der jüdische Freund Sigmund Freud muss auswandern. Und Franz spielt den Helden: Wenn er durch das beharrliche Nachforschen nach Trsnjek Prügel bezieht, und Anezka vor einem SA-Offizier in Schutz nehmen will. Doch die hat sich längst arrangiert und den neuen Machthabern an den Hals geworfen. Franz aber lehnt sich mit einer Guerilla-Aktion gegen diesen Wiener Totentanz auf.
Robert Seethaler landete mit seinem 2012 erschienen Roman einen internationalen Bestseller, der 2018 mit Bruno Ganz verfilmt wurde. Weil ihm die Dramatisierung seines Buchs nicht gefiel, nahm er Seethaler sie selbst in die Hand. Regisseur Sascha Mey arbeitet sich nun in Pforzheim an dieser Fassung ab, der die poetische Leichtigkeit, der hintersinnig Witz, die fiebernde Stimmung zu fehlen scheint. Auf der Einheitsbühne (Ausstattung Jörg Brombacher und Milena Keller) weht ein Hauch von Schultheater. „Der Trafikant“ ist Sternchenthema im Deutschabi 2021.

Vielleicht fällt es schwer, angesichts der Leere im Publikum, angesichts des Fehlens menschlicher Wärme und der Reaktionen des Gegenübers die großen Gefühle auf der Bühne zu entfalten. Nicolas Martin ist ein überzeugender Franz Huchel, der die Entwicklung von jugendlicher Naivität zum kämpferischen, selbstständigen Trafikanten nachvollziehbar macht. Eindringliche Brief-Dialoge führt er mit seiner Mutter, der Michaela Fent in ihrem Schwanken zwischen Kontrolle und Loslassen fein austarierte Züge verleiht. Mit Jens Peter als Professor Freud und Lars Fabian als Otto Trsnjek stehen zwei gestandene Männer auf der Bühne. Überzeugend auch Johanna Miller als quirlige Anezka. In eine Vielzahl von Rollen, die oft als Parodien angelegt sind, schlüpfen Bernhard Meindl, David Meyer und Myriam Rossbach. Der Beifall der fünf Zuschauer verhallte im großen Bühnenraum.

