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Die sieben Todsünden umtanzen das Geschehen mit Tenor Philipp Werner als sympathischen Teufel.  Foto: Haymann 
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Andy Kuntz glänzt als göttlicher Botschafter in strahlendem Weiß mit enormer Präsenz.  Foto: Haymann 

Wuchtige Rockoper „Everyman“ feiert Premiere am Theater Pforzheim

Pforzheim. Ein reicher Mann lebt in Saus und Braus, begeht alle Todsünden, ist kalt und unbarmherzig. Ermahnungen, an sein Seelenheil zu denken, prallen an ihm ab. Da schickt ihm der besorgte Gott den Tod als Boten, dass er Rechenschaft ablegen müsse. Todesfurcht und vergebliche Suche nach einem Begleiter lösen bei dem Sünder innere Einkehr und Reue aus. Ihm wird vergeben, und der Teufel, der schon über den neuesten Höllenzugang frohlockt hatte, geht leer aus.

„Everyman“ feiert Premiere im Theater Pforzheim
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„Everyman“ feiert Premiere am Theater Pforzheim

Es sind die einfachen und plakativen Geschichten, die funktionieren. Das englische Moral- und Mysterienspiel „Everyman“ aus dem 15. Jahrhundert handelt vom Sünder, der jeder von uns sein kann. Hugo von Hofmannsthal adaptierte es zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Seit 1920 zieht es jährlich Tausende von Menschen in Salzburg in seinen Bann. Die Progressive-Rock-Band Vanden Plas legte den englischen Stoff einer wuchtigen Rockoper zugrunde, die 2015 in Kaiserslautern uraufgeführt wurde und seither in den Theatern für Begeisterung sorgt.

Mitreißende Musik

In Pforzheim kommt eine neue Version zur Aufführung, in der die Rock-Band mit der Badischen Philharmonie spielt (musikalische Leitung Philipp Haag). Das gibt der zwischen Heavy Metal, Jazz, mittelalterlich anmutenden sowie lyrischen oder auch mal atonalen Sequenzen changierenden, dabei eingängigen und mitreißenden Musik emotionale Tiefe und setzt immer wieder interpretatorische Akzente. Die Musik unterstreicht die Hammerwirkung des Bühnengeschehens. Matthias Engelmann (Bühnenbild und Kostüme) setzt Pathos, Bombast, ja auch Kitsch ganz bewusst als überspitzende Stilmittel ein. Philipp Moschitz (Inszenierung) setzt auf wirkungsvolle, sorgfältig getaktete Massenszenen, in denen Chor und Extrachor sing- und spielfreudig agieren und zusammen mit dem Ballett gewichtige Rollen spielen.

Die stimmlich und darstellerisch beeindruckende Amelie Kunzmann aus dem Kinderchor regiert als Gott mit ihrem kindlichen, in unschuldiges Weiß gekleideten Gefolge in einem von einem Regenbogen überspannten Paradiesgärtlein, das in der nächsten Szene zum Flower-Power-Lustgarten des reichen Lebemanns Everyman erblüht. Chris Murray gibt überzeugend den lässigen Dandy, den Todesahnungen gnadenlos aus dem Rausch einer wilden Party reißen und schließlich zur Reue bewegen. In seinem kraftvoll gestalteten Gesangspart legt er Reminiszenzen an den markanten Gesangsstil des Deep-Purple-Sängers Ian Gillan an.

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Rockoper „Everyman“ feiert Premiere am Theater Pforzheim

Weder Everyman noch Chris Murray haben allerdings eine Chance, gegen Death, den von Andy Kuntz verkörperten Tod, zu bestehen. Der Vanden-Plas-Sänger, als göttlicher Botschafter in strahlendes Weiß gekleidet, zeigt enorme Bühnenpräsenz, ist Feind und Freund in einer Person, die überall im Theater auftaucht und seinen Gesangspart eindrucksvoll und stimmig interpretiert. Das Duett mit Chris Murray ist einer der stärksten Momente des Stücks. In seiner Gegenwart wird die rauschhafte Party in Everymans Lustgarten zum schaurigen Totentanz.

Reizvolle Doppelrolle

Die sängerisch starke Lilian Huynen hat eine wahrhaft reizvolle Doppelrolle: zunächst in blutigem Rot als Paramour/Buhlschaft das verführerische Partygirl, später als Allegorie des Mammons in Tiefschwarz. Dies ist eine der beeindruckendsten Szenen. Lisa Wedekind setzt mit Mother und Good Deeds weiche und lyrische Akzente in all der Wucht. Ingo Wagner ist ein überdrehter Flower-Power-Cousin und als Confession eine mit klarer Stimme die Massen erweckende Drag-Madonna. Steffen Fichtner gibt den nur in guten Tagen verlässlichen Fellowship. Mehrere Rollen verkörpert Anna Gütter, herzzerreißend ihr glasklar gesungener Soulgardian.

Wild umtanzen die sieben Todsünden (Johannes Blattner, Leon Damm, Elias Bäckebjörk, Isaac di Natale, Evi van Wieren, Alba Valenciano Lopez, Eleonora Penacchini und Stella Covi) in der Choreographie von Sven Niemeyer das Geschehen. Leer geht im Erweckungstaumel schließlich der sympathisch epikuräische Teufel von Tenor Philipp Werner aus, der Stöckelschuh statt Klumpfuß trägt. Viel Szenenapplaus und stehende Ovationen für eine furiose und begeisternde Bühnenshow.