Aussteiger Jean Deichel (stehend, Sergej Gößner) mit den Außenseitern der Gesellschaft ( von links, Tobias Bode, Jule Zangger und Henning Kallweit). haymann
Jean-Claude Mawila (Mitte) als schillernder Griot auf der Bühne mit Henning Kallweit und Jule Zangger.
Kultur
Yannick Haenels Roman „Die bleichen Füchse“ am Pforzheimer Stadttheater
  • Rainer Wolff

An der Bühnenwand steht in großen Lettern: „Rêve Général“ – umfassender Traum. Das suggeriert spontan „grève général“ (Generalstreik) und verweist absichtlich auch auf die sozialen Unruhen, die derzeit wieder in Frankreich herrschen. Damit verschafft sich die Dramatisierung des Romans „Die bleichen Füchse“ von Yannick Haenel, die jetzt im Podium des Pforzheimer Theaters uraufgeführt wurde, einen aktuellen Bezug.

Immerhin zielt das Buch des französischen Autors, das 2013 für Aufsehen sorgte, durchaus auf die gegenwärtige Situation seines Landes, auch wenn es sich vordergründig auf Vorgänge des Jahres 2005 bezieht, als in den Banlieus von Paris die Autos aus Protest gegen die gesellschaftlichen Zustände brannten. In seiner ausdrücklichen, radikal zugespitzten Mischung von linksgerichteter Gesellschaftskritik auf der Grundlage marxistischer Thesen mit engagierten Positionen der heutigen Migrationsdiskussion greift das Werk einen brisanten Diskurs über die „brennende Festung Europa“ auf, der es durchsichtig macht auch für deutsche Verhältnisse und Streitfragen unserer Tage.

Politische Hintergründe

Die Bearbeitung des Romans durch Tom Gerber unterstreicht diese Bezüge, auch wenn sie den französischen Rahmen nicht durchbricht. Sie greift vor allem Haenels Rückverweise auf die Tradition markanter Umbrüche in Frankreich auf: Von der großen Revolution von 1789 über die Tage der proletarischen Pariser Kommune 1871 bis zu der linken Rebellion im Mai 1968, die weit über die Grenzen hinaus wirkte, zeigt das Land laut Haenel „die endlos verdrängte Geschichte eines Bürgerkriegs“. Da ist der Schritt nicht weit bis zu unseren laufenden Debatten der Flüchtlingsfrage und ihrer politischen Hintergründe.

Was schon an dem Roman und nun auch an der Pforzheimer Spielfassung irritiert, ist die allzu romantische Koppelung von „rêve“ und „grève“ – Traum und Streik – entrückter Utopie und nacktem Kampf. Denn was der Aussteiger Jean Deichel, der „Held“ des Romans, da am Rande der Pariser Gesellschaft erlebt, ist eher eine albtraumartige Abfolge von Traumata, in denen das trübe Schicksal der Außenseiter, unter denen er sich findet, mit dem der (meist afrikanischen) Flüchtlinge, die in anonymer Illegalität ihr Heil suchen, eine beklemmende Verwandtschaft aufweist – mit dem Unterschied, dass Deichel den Ausstieg will, während die zuströmenden Flüchtlinge erst noch anzukommen wünschen.

Gerbers Fassung wie auch seine Inszenierung fährt diese unterschiedlichen Linien mit dem lärmenden Pathos ideologischer Emphase so hochtourig nach, dass darüber die Handlung des Romans leicht in den Hintergrund gerät. Dabei erliegt er im Streben nach praller Theatralität einem geradezu bildungsbürgerlichen Furor, der das Werk zu einem Fundus halb versteckter und variierter, aber doch auch eitel ausgestellter Zitate für Kenner macht – von den Hetzreden Robespierres zur politischen Verwerflichkeit von Lastern und den „empfindlichen Ohren“ der Bürger über den geläufigen Anfang des „Kommunistischen Manifests“ oder Marx’ Schrift zum „Bürgerkrieg in Frankreich 1871“ und die „Zwingherrschaft des Kapitals“ bis hin zu wiederholten Anspielungen auf Samuel Becketts Klassiker „Warten auf Godot“, dessen traurige Protagonisten hier in Gestalt zweier räsonierender Müllmänner auftreten, während ihr dürrer Baum als vertrockneter Papyrus namens „Giacometti“ in der weiß gekalkten, kargen Bretterlandschaft von der Decke hängt.

Wo auf der einen Seite das ganze Arsenal revolutionärer Phrasen aufgefahren wird, schlägt der Autor (und mit ihm der Regisseur) auf der anderen, sensibleren Seite die Harfe lyrischer Verklärung von der eigenen Poesie des Asphalts und der zauberischen Allmacht der Fantasie: „Wir respektieren nichts, was der Poesie Grenzen setzt“ – wie die Künstler-Rebellen des Untergrunds halt so reden. Es ist nicht selten die krude, bewusst widersprüchliche Fusion der Ex-treme, durchsetzt mit mystischer Verrätselung und geheimnisvollem Geraune, aus der der zweistündige Abend seine immer gleichen, alsbald ermüdenden Effekte bezieht, ohne doch aber eine inhaltlich und szenisch begründete theatrale Qualität zu gewinnen.

Zu den eklatanten dramaturgischen Schwächen der Aufführung und ihrer zerfledderten Fassung treten darstellerische Probleme für das sechsköpfige Ensemble, das hier in wechselnden Rollen auftritt und durch einen „Bürgerchor“ von etwa 20 Laien ergänzt wird, in dem das Pforzheimer Publikum sich selbst und die lokale Situation der Stadt mit ihrem 50-prozentigen Ausländeranteil erkennen soll.

Wildgewordene Wutbürger

Für die Schauspieler ist bei einem solchen Konzept nicht viel zu holen – ob sie nun als „Pussy Riot“ auftreten, wildgewordene Wutbürger porträtieren oder als geschundene „Füchse“ auf dem altehrwürdigen Friedhof Père-Lachaise das rebellische Kollektiv der Migranten vertreten. Allenfalls Jean-Claude Mawila als schillernder Griot in Robespierre-Maske und Sergej Gößner als Deichel steuern individuelle Studien bei. Das erkennbar konsternierte Publikum im Podium fand am Ende doch noch zu freundlichem Beifall.