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Hoch konzentriert: Roland Härdtner an den Kesselpauken. Foto: Meyer
Hoch konzentriert: Roland Härdtner an den Kesselpauken. Foto: Meyer
Der brasilianische Komponisten-Star Ney Rosauro am Vibrafon. Foto: Meyer
Der brasilianische Komponisten-Star Ney Rosauro am Vibrafon. Foto: Meyer
Das Südwestdeutsche Kammerorchester unter der Leitung von Timo Handschuh bildete den kammermusikalischen Klangkörper beim CD-Präsentationskonzert „Brazilian Fantasy“ im Stadttheater. Foto: Meyer
Das Südwestdeutsche Kammerorchester unter der Leitung von Timo Handschuh bildete den kammermusikalischen Klangkörper beim CD-Präsentationskonzert „Brazilian Fantasy“ im Stadttheater. Foto: Meyer
30.10.2017

Zwischen Fulminanz und Melancholie: Roland Härdtner und Ney Rosauro begeistern

Pforzheim. Welch eine Fügung, dass sich hier zwei musikalische Seelenverwandte gefunden haben, in dieser kleinen, feinen Szene der exotischen Mallet-Instrumente. Roland Härdtner und Ney Rosauro empfinden die Musik, die sie spielen, auf gleiche Weise. Selbst die Art, wie sie sich dazu bewegen, ähnelt sich. Das war bei dem CD-Präsentationskonzert „Brazilian Fantasy“ am Samstagabend im Theater Pforzheim schön zu beobachten.

Mit großer Spielfreude agierten der Lokalmatador und der Brasilianer, einer der weltweit renommiertesten Schlagwerk-Komponisten. Nachdem die befreundeten Musiker 2014 mit großem Sinfonieorchester spielten, ging es diesmal um Rosauros kammermusikalische Arrangements des neuen Albums, zugeschnitten auf den 14-köpfigen Klangkörper des Südwestdeutschen Kammerorchesters (SWDKO) unter der Leitung von Timo Handschuh. Während der Proben lobte der Komponist im Gespräch mit der PZ das große Engagement, die Leidenschaft und Professionalität des Orchesters.

Brasilianische Rhythmen

Das Konzert startet mit dem Titelstück des Anfang kommenden Jahres erhältlichen Albums. „Brazilian Fantasy“ ist für zwei Marimbas geschrieben. Deren Holzstäbe klingen wie Xylofone, nur fülliger und wärmer – was bei dem Werk voll zum Tragen kommt. Rosauro hat sich darin die Frage gestellt, was passiert wäre, wenn Johann Sebastian Bach seinerzeit nach Brasilien gereist wäre und dort mit Folklore-Komponisten musiziert hätte. Themen von Heitor Villa-Lobos und Carlos Gomes verquickt er mit seiner eigenen Komposition „Brazilian Landscape“ und dem Bach-Choral „Jesu bleibet meine Freude“. In der Summe entfalten die Melodien eine tiefenentspannte Atmosphäre, die ans Rauschen des Meeres denken lässt. Das SWDKO setzt die Latin Grooves in Phrasierung und Rhythmusgefühl ganz locker um. Das zweite, nicht auf der CD befindliche Werk, ist ein musikalischer Gruß Rosauros am Vibrafon. Die metallische kleine Schwester der Marimba klingt deutlich heller und wird oft im Jazz eingesetzt. Der Komponist spielt sein Stück solo mit fünf Schlägeln. Das Rondo-ähnlich aufgebaute „Bem Vindo“ startet ruhig und endet kraftvoll, auch hier hat der 65-Jährige Motive der „Bachianas Brasileiras“ von Villa Lobos eingearbeitet.

Das „Concerto For Timpani And String Orchestra“ ist eine Uraufführung in Pforzheim und eine faszinierende Härdtner’sche Demonstration dessen, was aus einer Pauke als Soloinstrument alles rauszuholen ist. Der erste Satz, eine freie Fuge, ist erneut eine Hommage an Bach. Im zweiten Satz bringt Härdtner die Pauken lyrisch zum Singen. Das ist nicht nur für einen, der sonst eher im Mallets-Spiel versiert ist, technisch hoch anspruchsvoll.

Mentale Herausforderung

Weil eine Pauke nur den Tonumfang einer Quinte besitzt, muss er die Instrumente mit den Pedalen ständig umstimmen und dabei im Kopf haben, welcher Umfang als Nächstes gefragt ist. Das sieht dann so aus, als würde er parallel zum Paukenspiel über dem Boden noch Fahrrad fahren. Eine echte mentale Herausforderung, die der 53-Jährige auf imponierende Weise bewältigt. Dann spielt er direkt an den Kesseln, mit den Fingern, oder legt ein Becken aufs Paukenfell und erzeugt Arpeggio-Effekte.

Der dritte Satz, ein Ragtime, umfasst fast zwei Oktaven, was erneut ständig chromatisches Umstimmen erfordert, und enthält eine Solo-Kadenz, in der Härdtner sich atemberaubend schnell wirbelnd steigert. Das ist unterhaltsam, avantgardistisch, polarisiert aber auch. In der Pause diskutiert mancher Besucher darüber, ob der Paukenklang zu den getragenen Melodien des kammermusikalischen Orchesters wirklich passt.

Das „Concerto No. 2 For Vibraphone And String Orchestra“ ist erst zwei Jahre alt, dauert 20 Minuten und besteht aus vier Sätzen mit einem immer wiederkehrenden, von schwelgenden Streichern getragenen Thema. Der zweite Satz ist ein eleganter, pizzicato gespielter Walzer, die Musiker zupfen ihre Instrumente wie bei einer Gitarre mit den Fingern. Der ruhige, dritte Satz entführt in Rosauros mystische Traumwelt. Einige Zuhörer schließen zum Genuss die Augen. Durch den ungewohnten Einsatz von Xylofon-Schlägeln und einem Bassbogen entlockt der Solist dem Instrument seufzende Töne und eine ganz eigene Klangfarbe. Das bisweilen barjazzig swingende Stück weckt Assoziationen eines George Gershwin oder Filmmusiken von Henry Mancini.

Meditativ-sphärisches Ende

Die „Serenata A Due“ markiert das Zentrum der gemeinsamen Arbeit: Rosauro hat einen zweiten Solopart auf Härdtners Marimbaspiel zugeschnitten und ihm das Werk auch gewidmet. Ein fulminanter, spannungsgeladener Start mündet in wunderschöne, traurige Melodien. Das Stück endet meditativ und sphärisch im Nichts: Marimba und Vibrafon werden mit Kontrabassbögen gespielt, der Klang symbolisiert die letzten Atemzüge einer sterbenden Person. Gänsehaut pur! Die Abstimmungsschwierigkeiten im Dialog der beiden Instrumente, die am Samstag im zweiten und dritten Satz zu hören waren, stören das Publikum offenbar nicht. Bravorufe, Ovationen und langer Applaus lassen zwei Zugaben folgen. Zunächst gesellt sich Timo Handschuh mit komödiantischem Talent zu den Solisten für eine fröhliche Nummer an die Marimba, bevor Rosauro diesen sehr atmosphärischen Abend mit „My Dear Friend“ am Vibrafon ausklingen lässt.