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Seinen eigenen Spind  hat Notfallseelsorger Martin Merdes im Feuerwehrhaus in Mühlacker.
Seinen eigenen Spind hat Notfallseelsorger Martin Merdes im Feuerwehrhaus in Mühlacker. © Schmid
01.01.2010

Seelsorger nimmt Opfer an die Hand

Tödlicher Unfall, häuslicher Todesfall, Selbstmord oder Amoklauf – wenn andere fassungslos dastehen und nicht weiter wissen, ist Martin Merdes, Notfallseelsorger aus Enzberg, zur Stelle. Wie er auf die traumatisierten Zeugen und Opfer, zugeht, was es bedeutet rund um die Uhr einsatzbereit zu sein, und wie er selbst das Erlebte verarbeitet, hat der 44-Jährige PZ-Mitarbeiterin Anke Baumgärtel erzählt.

PZ: Sie sind Notfallseelsorger im östlichen Enzkreis. Wie viele Einsätze hatten Sie 2009?
Merdes: In diesem Jahr wurde ich zu sechs Einsätzen gerufen. Vier davon fanden im Enzkreis statt, zweimal war ich nach dem Amoklauf in Winnenden zur Nachsorge vor Ort. Im Enzkreis dürften es insgesamt rund 20 Einsätze gewesen sein, die die aktiven Notfallseelsorger 2009 begleitet haben (siehe „Zum Thema“).

PZ: Welche Aufgaben umfasst Ihre Arbeit als Notfallseelsorger?
Merdes: Ich werde etwa bei schweren Verkehrsunfällen alarmiert. Meine Aufgabe ist es, traumatisierte Unfallopfer, Zeugen oder Angehörige zu begleiten, bis ihr soziales Netzwerk wieder greift. Manchmal werde ich vom Feuerwehrkommandanten hinzugerufen, der meine Anwesenheit für notwendig erachtet. Sind es mehrere Brennpunkte, dann bitte ich im Kollegenkreis um Verstärkung. Zudem bin ich Ansprechpartner für Polizei und Feuerwehr, auch nach einem Einsatz. Im Todesfall – sei es durch Unfall, Suizid oder einen häuslichen Tod – bin ich bei der Überbringung der Todesnachricht dabei und kümmere mich um die Familie.

PZ: Wie gehen Sie konkret mit der jeweiligen Situation um? Gibt es einen Leitsatz an dem Sie sich orientieren?
Merdes: Jede Situation ist anders. Was gleich bleibt ist meine Funktion als Notfallseelsorger. Ich gehe auf die Menschen zu, suche den Kontakt und bin ihnen nahe. Zunächst ist es wichtig, den Betroffenen zu signalisieren, dass es mich gibt. Oftmals genügt es, wenn ich mich neben einen traumatisierten Menschen stelle – sicherlich erst einmal genauso fassungslos. Je nach Situation kommt es vor, dass ich mit den Menschen weine, rede oder als Symbol eine Kerze abstelle.

PZ: Das heißt, Ihnen geht das Erlebte ebenso nahe?
Merdes: Natürlich werde ich auch als Notfallseelsorger persönlich berührt. Das ist bei der Seelsorge in der Gemeinde nicht anders. Nur ist meine Ausgangslage eine andere, ich kann mich mental auf das Geschehen vorbereiten. Zudem kann ich einen gewissen Abstand wahren, weil ich die Betroffenen nicht kenne. Mir muss es gelingen, die Zeugen von dem schrecklichen Bild zu lösen und wegzuführen. Oftmals ist dies sogar notwendig, damit die Einsatzkräfte mit ihrer Arbeit fortfahren können. Ich muss mich allerdings rechtzeitig zurückziehen und signalisieren, dass die Begleitung an einem gewissen Punkt endet. Hierfür habe ich ein Ritual: Ich ziehe zu Hause meine Jacke mit der Aufschrift „Notfallseelsorge“ aus und lege damit auch das Erlebte symbolisch ab.

PZ: Wie viel Zeit beansprucht die Arbeit als Seelsorger?
Merdes: Ich verstehe die Aufgabe des Notfallseelsorgers als Teil der pfarrerlichen Arbeit. Je nachdem wohin ich gerufen werde und in welche Situation, dauert der Einsatz zwischen zwei und vier Stunden. Für alle Fälle habe ich immer einen Rucksack dabei mit Taschentüchern, Traubenzucker, Zigaretten, Kerzen und einem Vesper. Sei es für mich oder die Menschen, die ich betreue.

PZ: Hat der Bedarf an Notfallseelsorgern zugenommen?
Merdes: Während die Notfallnachsorge mehr und mehr gefordert wird, ist die Zunahme der Einsätze der Notfallseelsorger noch nicht signifikant. Allerdings sehe ich den Bedarf an Seelsorgern im Enzkreis nicht abgedeckt. Im Gegensatz zu anderen Landkreisen, in denen der Dienst der Notfallseelsorger wöchentlich wechselt, haben wir jeder unser eigenes Einsatzgebiet. Das schafft Nähe. Der Nachteil daran ist allerdings, dass wir an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden einsatzbereit sein müssen.

PZ: Wo stoßen Sie an Ihre Grenzen? Was können Sie selbst nicht leisten?
Merdes: Ich war glücklicherweise noch nie in der Situation, dass ich ein Unfallopfer kannte. Die Grenze, auch für die Einsatzkräfte der Feuerwehr und des Roten Kreuzes, ist erreicht, wenn man selbst betroffen ist. In diesem Fall müsste ich mich zurückziehen und Hilfe von außen dazuholen. Hinzu kommt die Grenze an die ich in der Funktion als Notfallseelsorger komme. Es wäre fatal, wenn ich diese nicht kennen würde. Manchmal benötigen Angehörige ärztliche Hilfe, die ich als Theologe nicht leisten kann.

PZ: Winnenden ist sicherlich Ihr prägendstes Erlebnis als Notfallseelsorger? Wie erinnern Sie sich an den Einsatz im Frühjahr zurück?
Merdes: Winnenden überschattet durch seine Tragik alle anderen Einsätze. Ich war zweimal dort. Das erste Mal noch in der Woche des Amoklaufs. Ich begleitete eine Familie, deren Kind eine der betroffenen Klassen an der Albertville-Realschule besuchte sowie eine Gruppe Jugendlicher, die stark involviert war. Zudem war ich bei einem Nachsorgegespräch für die Einsatzkräfte vor Ort. Auch, wenn man dieser Situation nichts Positives abgewinnen kann, bin ich doch mit einem guten Gefühl heimgefahren. Es war die Bewährungsprobe für das neu eingerichtete Einsatzkräfte-Nachsorge-Team in unserem Landkreis, das erst seit Kurzem gemeinsam geschult wurde. Der Einsatz hat gezeigt, dass wir arbeitsfähig sind.

PZ: Welche Motivation haben Sie, diesen Job auszuüben?
Merdes: Ich leide mit den betroffenen Menschen. Mein Glaube zeigt mir, dass auch Gott mit uns Menschen leidet. Hinzu kommt, dass er uns nahe ist wie an Weihnachten. Diese Nächstenliebe möchte ich weitergeben.

PZ: Wer verarbeitet mit Ihnen das, was sie bei einem Einsatz erleben?
Merdes: Es gibt glücklicherweise Supervisionen, also Beratungen in der Gruppe, denn viele Ereignisse gehen einem nach. Der persönliche Austausch mit anderen Notfallseelsorgern hilft in diesem Fall mehr als das Gespräch in der Familie. Ich bin froh, dass die normalen Formen der Verarbeitung von Eindrücken auch bei der Notfallseelsorge greifen. Mir hilft es zu musizieren oder Musik zu hören, um zu entspannen.

PZ: Was ist, wenn ein traumatisiertes Unfallopfer oder ein Zeuge kein Deutsch spricht?
Merdes: Bislang ist mir das nicht passiert. Doch die Kommunikation mit den Betroffenen hängt natürlich von der Sprache ab. Ich wüsste aber auch nicht, wie man dieses Problem lösen könnte. Wenn es keinen anderen Weg gäbe, müsste ein Dolmetscher hinzugerufen werden. Vermittelte Kommunikation ist jedoch in dieser Situation extrem schwierig. Man könnte einen Aufruf starten, dass sich auch Personen anderer Nationalitäten in der AG Notfallseelsorge engagieren. Wichtig ist bei meiner Arbeit, andere Kulturen und Religionen zu respektieren. Dort wird Trauer anders bewältigt. Und eine Muslimin darf nur eine Frau begleiten.

PZ: Man sagt, dass Männer weniger in der Lage seien, Hilfe anzunehmen. Worin unterscheiden sich männliche und weibliche Betroffene?
Merdes: In den außergewöhnlichen Situationen, zu denen ich gerufen werde, erlebe ich auch Männer als offen für Begleitung. Andere wiederum, ganz gleich ob Frau oder Mann, signalisieren mir, dass die Notfallseelsorge für sie nicht in Frage kommt. Was die Nachsorge betrifft, so stimmt das Bild des Bären von Feuerwehrmann, den nichts erschüttert, längst nicht mehr.

PZ: Man könnte argumentieren, dass die Notfallseelsorge lässlich ist, da es früher auch ohne sie ging. Was kann passieren, wenn Sie nicht da sind?
Merdes: Ich denke viel mehr, die Notfallsorge ist verlässlich. Es besteht ein Vertrag zwischen Kirchen und Land über den Einsatz von Notfallseelsorgern. Wären wir Seelsorger nicht da, würde in Extremsituationen die Menschlichkeit fehlen. Die Notfallseelsorge stößt besonders durch Ereignisse wie den Amoklauf in Winnenden, das Zugunglück von Eschede oder die Flugzeugkollision in Überlingen auf Akzeptanz. Sie wird eingefordert und ist wichtig und gut. Die Verantwortung für eine Situation tragen wir jedoch nicht. Genauso, wie ein Feuerwehrmann nicht am Steuer eines Unfallwagens saß, sind wir nicht schuld, wenn ein Suizidgefährdeter sich trotz Zuredens eines Seelsorgers das Leben nimmt.