Pforzheim. Mehr als zwei Jahre lang lag der 58-Jährige in seiner kleinen Wohnung in der Lindenstraße. Auf dem Boden, in einem aufgeräumten Zimmer. Niemand sah nach ihm. Selbst als sich im Haus ein unangenehmer Geruch ausbreitete, reagierte niemand. Erst nach zwei Jahren ohne Kontakt verständigt seine Schwester die Polizei. Da ist der Leichnam längst mumifiziert. Der Fall ist kein Einzelfall. Rund 17 Millionen Menschen in Deutschland leben allein – also gut jede fünfte Person, so das Statistische Bundesamt. Und immer mehr sterben allein und unbemerkt.
Wie wird ein Mensch beerdigt, wenn ihn keine Angehörigen verabschieden? Und was bleibt von jemandem, an den sich niemand zu erinnern scheint? 23 Jahre lang hat die evangelische Pfarrerin Ruth Nakatenus die Beisetzungen von Menschen in Pforzheim begleitet, die niemanden mehr hatten.
Anders als bei einer gewöhnlichen Beerdigung ordnet hier die Stadt den letzten Weg an. Es gibt keine Trauergemeinde, keine persönlichen Lieder, keine Fürbitten, keine leisen Erinnerungen, die einen Menschen noch einmal lebendig machen.
Die Abschiede sind kurz, sachlich, fast geräuschlos. Und doch verschwindet niemand ganz: Auf dem Pforzheimer Hauptfriedhof werden die Namen der Verstorbenen auf schwarzen Stelen eingraviert, über den großen Gräbern – als letztes Zeichen, dass ihr Leben nicht völlig unbeachtet blieb.
Nicht vergessen werden
In vielen anderen Städten gehe nämlich der Name verloren, erzählt Nakatenus. „Damit die Menschen nicht anonym verschwinden und auch im Tod nicht ihre Würde verlieren“, sagt sie, sollte der Name immer auf den Grabstein kommen. So wie bei Gott niemand vergessen ist, soll auch bei uns niemand vergessen sein – und auch wiedergefunden werden können. Manchmal gebe es Freunde, Bekannte oder Nachbarn, die das Grab doch noch aufsuchten, so die Pfarrerin: „Manchmal liegen am Grab dann doch Blumen oder ein Kärtchen.“
Die Epidemie der Einsamen
Einsamkeit wirkt nicht erst am Lebensende – sie kann Leben verkürzen. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie der WHO zeigt erstmals weltweit das Ausmaß: Rund 880.000 Todesfälle jährlich werden mit sozialer Isolation und Einsamkeit in Verbindung gebracht. Betroffene haben ein um etwa 30 Prozent erhöhtes Risiko für einen frühen Tod, dazu steigen Gefahren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz und psychische Leiden deutlich. Besonders häufig isoliert sind ältere Menschen, am einsamsten fühlen sich jedoch Jugendliche – ein globales, wachsendes Gesundheitsproblem.
Öfter seien es Menschen aus der Stadt, die alleine sterben, als vom Land, sagt Nakatenus. „Ich glaube, dass man auf dem Land noch eher merkt, wenn jemand fehlt.“ Auch seien es häufig Personen mit einem nichtdeutschen Nachnamen, bei denen man nicht mal wüsste, woher sie kommen, wieso sie hier sind oder ob sie obdachlos waren. Die 68-Jährige findet das erschütternd. Vor allem, wenn es noch jüngere Menschen um die 50 oder 60 Jahre sind. Fredy Gamper, dessen Bestattungsunternehmen für die städtisch angeordneten Beisetzungen zuständig ist, erzählt, dass oftmals sogar der Arbeitgeber die Beerdigung dann organisiert.
Gemeinsam Begraben
Meistens werden mehrere Urnen gleichzeitig beigesetzt, erzählt die evangelische Pfarrerin. Nacheinander setzen sie diese in die Erde. Nakatenus sagt zu jeder Urne den Namen des Verstorbenen, das Geburtsdatum und, sofern es bekannt ist, das Sterbedatum. Manchmal liegt der Sterbezeitpunkt in einem Zeitraum von zwei Wochen. „Da denkt man sich, wie schrecklich, wenn jemand 14 Tage irgendwo liegt und nicht vermisst wird“, bedauert die Gläubige. Was es noch schlimmer macht: „Das kommt schon häufiger vor.“
Vereinsamung der Menschen
20 bis 30 Sterbefälle, bei denen niemand den Nachlass regelt oder Erben unbekannt sind, gebe es im Monat, sagt Jacqueline Schneider vom Nachlassgericht Pforzheim: „Mit zunehmender Häufigkeit.“ Auch Ilona Sgro, die Gemeindereferentin der katholischen St.-Franziskus-Kirche in Pforzheim, beobachtet immer mehr Fälle von Toten, die niemand mehr zu kennen scheint. Nach Sgro liege das aber weniger an Gleichgültigkeit oder Kostengründen, sondern an neuen Lebensrealitäten. „Viele Menschen leben allein, kinderlos oder weit entfernt von ihren Familien“, sagt sie.
Auch anonyme Beerdigungen nehmen laut Ilona Sgro zu. Das ist der Fall, wenn sich jemand in seinem Testament dazu entscheidet, ohne Trauerfeier, ohne eigenes Grab, ohne Namen beerdigt zu werden. Das liege auch an der Individualisierung der Gesellschaft, erklärt Sgro diese Entwicklung. „Menschen möchten ihren Hinterlassenen nicht zur Last fallen.“ Ein Grab kostet – je nach Grabart – meist mehrere Tausend Euro: Friedhofsgebühren liegen oft bei rund 2000 bis 5000 Euro, ein Grabstein bei etwa 1000 bis 5000 Euro. Hinzu kommt die Pflege: 100 bis 400 Euro pro Jahr oder über die gesamte Ruhezeit oft bis zu 7800 Euro.
Die katholische Gemeindereferentin Sgro habe in ihrer Arbeit für Verstorbene gelernt: „Einsamkeit ist ein Spiegel für die Gesellschaft, kein Randproblem, sondern strukturell.“ Anonyme Bestattungen zeigen, wo die Gemeinschaft fehlt – nicht nur im Tod, sondern schon im Leben.
Aufeinander zugehen
Regelmäßig mit dem Tod konfrontiert, zieht Pfarrerin Nakatenus den Schluss: Es ist schwierig in einer Gesellschaft, in der sich viele Menschen aus Ängsten eher abschotten, als Kontakte zu suchen. Eine starke Zivilgesellschaft könne helfen, so die 68-Jährige.
Es sei wichtig, seine Mitmenschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Eine kleine Geste macht schon viel aus. „Wir können nur lernen, in der eigenen Nachbarschaft ein Auge darauf zu haben, wen man länger mal nicht sieht. Oder mutig zu sein und mal zu klingeln.“
Ohne Angehörige und ohne Testament: Was passiert mit dem Nachlass?
Stirbt jemand ohne Testament, gilt in Deutschland die gesetzliche Erbfolge, erklärt Rechtspflegerin Jacqueline Schneider vom Nachlassgericht Pforzheim. Zunächst erben nahe Angehörige wie Kinder, Eltern oder andere Verwandte. In Baden-Württemberg ist das Nachlassgericht jedoch nicht verpflichtet, aktiv nach Erben zu suchen. Nach dem Todesfall wird das Gericht vom Standesamt informiert und prüft, ob ein Testament im zentralen Register hinterlegt ist. Gibt es keines, wird die Nachlasssache zunächst nicht weiter bearbeitet.
Aktiv wird das Nachlassgericht meist erst, wenn der Nachlass gesichert werden muss – etwa bei Vermögen oder offenen Forderungen. Dann kann ein Nachlasspfleger eingesetzt werden. Auch Vermieter oder Gläubiger wenden sich in solchen Fällen an das Gericht.
Bestehen Hinweise auf Vermögen, versucht das Nachlassgericht mögliche Erben zu ermitteln. Diese Suche kann Monate oder sogar Jahre dauern. Bleiben sie erfolglos, geht der Nachlass an den Staat – den Fiskus des Landes Baden-Württemberg.
Warum Vorsorge im Todesfall wichtig ist
Bestatter Fredy Gamper empfiehlt, sich so früh wie möglich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Auch wenn es ein schwieriges Thema ist, könne man so seinen Angehörigen Arbeit ersparen. Besser wär es, sein Ableben – vor allem die Bestattungsform – in die eigene Hand zu nehmen, um zum Beispiel zu verhindern, eingeäschert zu werden, wenn man das gar nicht möchte. Gemeindereferentin Ilona Sgro weiß: „Wenn jemand stirbt, sind die Angehörigen erstmal wie gelähmt“. Am Besten ist es, sich so früh wie möglich zu informieren. Die meisten Bestattungsunternehmen bieten kostenlose aufklärende Gespräche über Beerdigungen an, so Gamper. Rechtspflegerin Jacqueline Schneider vom Nachlassgericht Pforzheim legt es vor allem alleinstehenden Personen nahe ein Testament zu verfassen, in dem konkrete Erben benannt werden. Dafür könne man sich an einen Notar seiner Wahl wenden. „Vorteil ist, dass der letzte Wille formal und inhaltlich wirksam erklärt ist, der Notar rechtlich beraten kann und bürokratische Hürden für die Erben vermieden werden können“. Alternativ könne man ein handschriftliches Testament schreiben. Dieses sollte man aber beim Nachlassgericht hinterlegen, damit es im Todesfall sicher gefunden und eröffnet wird.
Zusätzlich sollte man eine Generalvollmacht über den Tod hinaus erteilen, damit eine Vertrauensperson wichtige Dinge wie Kontozugriffe regeln kann.

