Pforzheim. Die Normalität trügt. Die ältere Frau, die da an der Straßenlaterne steht, trägt zwar einen etwas ungewöhnlichen Hausanzug für einen Spaziergang, Doch sie schaut sich interessiert um, spricht Passanten an. Erst wenn man mit ihr mehrere Sätze wechselt, zeigt sich, dass sie orientierungslos ist. „Einmal pro Monat kommt das schon vor“, sagt ein Pforzheimer, der in der Nähe eines Altenpflegeheims wohnt. Immer wieder begegnet er auf der Straße Menschen, die offensichtlich das Heim verlassen wollen – mit unbekanntem Ziel.
Tatsächlich steigt mit dem generellen Anstieg demenzieller Erkrankungen in der Gesellschaft auch die Zahl der Menschen mit einer Weglaufgefährdung. Allerdings nicht in demselben Maße, betont der Leiter des Heims am Hachel, Stefan Hofsäß. In seinem 200 Plätze umfassenden Haus sind jährlich im Schnitt zwischen zehn und 20 Bewohner zunächst einmal verschwunden.
Im Rollstuhl nach Bauschlott
Besonders in Erinnerung sind Hofsäß ein Mann geblieben, der es im Rollstuhl bis nach Bauschlott schaffte, oder eine hochdemente Frau, die einst über die Wilferdinger Höhe nach Ersingen wollte und von der Autobahnpolizei gesucht werden musste. Doch das sind Ausnahmen. „50 Prozent tauchen von alleine wieder auf“, sagt Hofsäß, „wie sie zurückkommen, das ist oft ebenso ein Rätsel wie ihr Verschwinden zuvor.“ Schließlich geschehe dies nicht absichtlich, stark demenziell erkrankte Menschen hätten schlicht kein Empfinden für Zeit und Witterung, und ihnen fehle die Orientierung.
Laut dem ehemaligen Leiter des Haus Maihälden, Burkhard Neetz, laufen Bewohner vor allem in der Eingewöhnungsphase weg – zwei- bis viermal im Monat sei das im Haus Maihälden im Schnitt vorgekommen. Wobei weglaufen der falsche Begriff ist. Vielmehr sei es eine Hinlauftendenz – ein Hinlaufen zu einem ganz bestimmten Ort, oft zum Gewohnten. „Bei einer demenziellen Entwicklung funktioniert meist das Langzeitgedächtnis noch gut“, sagt Neetz. Daher erlebten die Bewohner ihre neue Umgebung als fremd, wollten nach Hause gehen.
Am Siloah St. Trudpert Klinikum ist es dagegen sehr selten, dass Patienten das Krankenhaus verlassen und nicht wieder zurückkommen. Nach Angaben von Kliniksprecherin Ljerka Pap gab es in den vergangenen zwei Jahren gerade einmal zwei dieser Fälle. Sollte es doch einmal wieder vorkommen, möchte man künftig eventuell auch Hunde-Spürnasen auf die Fährte von vermissten Personen setzen.
Polizei eingeschaltet
Neben dem vorgeschriebenen Weg über die Polizei könnten dann auch Geruchsjäger bei der Suche helfen. Die Verbindung zu den Mantrailern kam zustande, als die Hunde mit ihren Hundeführern das Gelände des Krankenhauses zu Übungszwecken nutzten.
Ist im Heim am Hachel jemand verschwunden und keine unmittelbare Gefahr im Verzug, wartet man erst einmal eine gewisse Zeit ab und informiert die Angehörigen. Ist es allerdings bereits dunkel, draußen bitterkalt oder über 35 Grad heiß, wird die Polizei eingeschaltet. Sie ist es auch, die des Öfteren verschwundene Personen aufgreift und zurückbringt, ebenso wie Familienangehörige. „Eine große Suchaktion hatten wir aber noch nie“, sagt Hofsäß.
Wenn sich ein Heimbewohner durch wiederholtes Weglaufen allerdings selbst gefährde, gebe es auch die Möglichkeit, ihn in einer geschlossenen Abteilung unterbringen zu lassen. Das sei aber im Einzelfall und gerichtlich zu prüfen. „Schließlich steht der Mensch im Mittelpunkt“, sagt Hofsäß.
Die Seniorenheime der Caritas haben sich nach Angaben ihres Vorstandsvorsitzenden Frank Johannes Lemke seit Jahren auf die starke Zunahme demenzieller Erkrankungen eingestellt. „Die Architektur ist so, dass sich die Bewohner frei bewegen können, aber nicht auf den Ausgang zusteuern“, sagt Lemke. Bei einzelnen Personen mit erhöhter Unruhe gingen ein elektrisches Signal und ein Notruf beim Personal ein, wenn sie das Haus verlassen wollten. Alles aber immer in Absprache mit Angehörigen. So habe es in den letzten Jahren keine entsprechenden Vorfälle mehr gegeben.

