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Opel Gerstel : Syrischer Flüchtling Shervan Jabo (links) mit Monteur Tano Hauff. Foto: Ketterl
Opel Gerstel : Syrischer Flüchtling Shervan Jabo (links) mit Monteur Tano Hauff. Foto: Ketterl
Shervan Jabo ist mit 21 Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen.  Foto: Ketterl
Shervan Jabo ist mit 21 Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen. Foto: Ketterl
19.03.2016

Aus Syrien geflüchtet und mit einem Bein in der Berufswelt

Ihn fasziniert das Automobil, aber nicht nur deshalb ist der 21-jährige Shervan Jabo beim Autohaus Gerstel tätig. Der junge Autoschrauber hat vor allem eine Motivation: Er will seinen Eltern helfen. Shervan ist Flüchtling. Gemeinsam mit einer Handvoll weiteren jungen Männern und Frauen ist er aus Syrien geflohen. Das vorläufige Ende seiner langen und gefährlichen Reise ist nun das Pforzheimer Autohaus Gerstel. Dort ist er als Praktikant tätig – mit guten Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

„Zwei Uhr auf Wasser“, sagt der schlanke, etwa 1,80 Meter große Syrer mit den schwarzen kurzen Haaren und dem leichten Bartwuchs. Er beschreibt mit vielen Handbewegungen seine lange Reise durch ganz Osteuropa. Leicht eingeschüchtert zeigt er dabei ein Bild von einem Schlauchboot. Sagen möchte er in seinem gebrochenen Deutsch, dass er zwei Stunden mit diesem Boot über ein Gewässer fahren musste. Er weiß nicht mehr, welches Gewässer das war, aber er erinnert sich gut an die angsterfüllten 120 Minuten. Die restlichen Tausende Kilometer voller Ungewissheiten und schlafloser Nächte unter freiem Himmel bewältigte er mit dem Bus, dem Zug oder zu Fuß. Seine Begleiter waren ihm völlig unbekannt, denn er ist als Einziger aus seiner Familie geflohen. Sein Vater sei mit 63 Jahren zu alt für die Flucht und habe sich dafür entschieden, mit der Mutter in Syrien zu bleiben. Umso größer ist Shervans Motivation, denn er ist nicht nur aus Angst vor dem Krieg und den Bomben und dem IS-Terror geflohen, sondern auch um seine Eltern finanziell zu unterstützten. Als er davon erzählt, bekommen seine Augen einen leichten feuchten Glanz.

Über die Türkei, Mazedonien, Serbien und Ungarn kam er zunächst an den Münchner Hauptbahnhof, dann in die Landeserstaufnahmestelle nach Ellwangen, wo er auf engstem Raum 16 Tage verbracht hat. Erfüllt von Hoffnung kam er schließlich mit dem Bus nach Pforzheim.

Zum Autohaus Gerstel kam der syrische Flüchtling durch Margarete Schaefer, Leiterin der Johanna-Wittum-Schule. „Es war ein einfaches Gespräch bei der Handwerkskammer, als Frau Schaefer mit einigen arbeitsuchenden Flüchtlingen auf mich zu kam“, sagt Timo Gerstel. „Nach einer kurzen Verständigung haben wir Shervan dann sofort bei uns als Praktikant eingestellt – und er schlägt sich herausragend gut“, lobt der Autohausinhaber. Anfänglich seien einige Mitarbeiter skeptisch gewesen, wie sich ein Neuling mit wenig Deutschkenntnissen anstellen würde. Das habe sich grundlegend geändert. „Er packt mit an, wo er kann, die Kollegen sind begeistert von ihm“, freut sich Gerstel. Und: „Wenn er in seinem Deutschkurs weitere Fortschritte macht, werden wir ihn als Auszubildenden einstellen.“ Shervan strahlt bei diesen Worten.

Er hat zwar den syrischen Führerschein, doch hier ist er nicht gültig. Kein Problem für ihn, denn er wohnt nur wenige Meter vom Autohaus in einer kleinen Wohnung an der Kappelhofstraße. Seine Adresse kann er blitzschnell und fehlerfrei aufsagen. Nach dem Feierabend spielt Shervan hin und wieder mit seinen neuen Bekannten Fußball – wenn er nicht gerade Behördengänge erledigen und Formulare ausfüllen muss. Am wichtigsten sind ihm die freien Minuten, an denen er mit seiner Familie telefoniert. Mehr Nähe geht nicht. Während der davon erzählt, hat Shervan wieder einen feuchten Glanz in seinen Augen.