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Pforzheims neueste Staufermedaillen-Träger Christa Mann und Ibrahim Sönmezates. Foto: Moritz
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Mit der „Initiative gegen Rechts“ setzt sich Christa Mann für eine offene Gesellschaft ein, wie hier bei einer Demo am 23. Februar. Foto: PZ-Archiv/Ketterl
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Ibrahim Sönmezates hat in seiner Trainerkarriere bereits rund 500 Jugendliche aus dutzenden Nationen in Taekwondo unterrichtet. Foto: PZ-Archiv/privat

Christa Mann und Ibrahim Sönmezates erhalten Staufermedaille

Pforzheim. Die Bürgermedaille der Stadt Pforzheim haben sie beide schon. Ibrahim Sönmezates erhielt sie 2008 aus den Händen von Christel Augenstein, die den heute 56-Jährigen damit einerseits für seine sportlichen Erfolge als Taekwondo-Trainer des Judo-Clubs Pforzheims auszeichnete, anderseits damit aber auch die damit geleistete Integrationsarbeit würdigte. Christa Mann, Mitbegründerin des seit Ende der 1987 aktiven Forums Asyl, bekam die Auszeichnung der Stadt beim Neujahrsempfang 2010 von Gert Hager für ihren jahrzehntelangen Einsatz für Flüchtlinge überreicht.

In beiden Fällen ein Engagement, das weit über den Durchschnitt hinausgeht. Das sieht nicht nur die Stadt so, sondern auch das Land. Genauer gesagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann – in dessen Namen Oberbürgermeister Peter Boch Mann und Sönmezates gestern Mittag im Rahmen eines Festaktes im Beisein von Familien, Wegbegleitern und zahlreichen Stadträten in den Räumen der Jugendmusikschule mit der Staufermedaille auszeichnete. Nach dem Landesorden ist die Medaille die höchste und noch dazu eine persönliche Würdigung, die das Land an die Bürger vergibt.

Was die beiden Ausgezeichneten ebenfalls gemeinsam haben: Sie haben beide nicht mit dieser Würdigung gerechnet. Denn beide halten das, was sie seit Jahrzehnten für ihre Mitbürger in Pforzheim tun, für völlig selbstverständlich. Nicht wenig verdutzt waren sie also, als sie Anfang März ein von OB Boch unterzeichneter Glückwunschbrief erreichte – was der Freude jedoch keinen Abbruch tut. Auch wenn die beiden Geehrten, wie Mann es bei der Laudatio formuliert, die Medaille am liebsten „in viele Stücke zerkleinern“ würden, um sie mit ihren Familien und Wegbegleitern, ohne deren Unterstützung die Arbeit nie zu stemmen gewesen wäre, teilen würden.

Menschlichkeit zeigen

Eine Arbeit, die seit mehr als 30 Jahren Manns Leben bestimmt. Sei es als Mitbegründerin des Forum Asyl und der Initiative gegen Rechts, oder durch ihre Ämter im Rat der Religionen, bei der christlich-islamischen Gesellschaft oder im Arbeitskreis Christen und Muslime in der evangelischen Landeskirche – für unzählige Menschen war Mann in dieser Zeit Ansprechpartnerin, Unterstützerin und nicht zuletzt Freundin. Gerade in der Flüchtlingshilfe war und ist die ehemalige Religionslehrerin und Gemeindediakonin besonders aktiv. Als Ehrenamtliche ist sie zur Stelle, wenn die offiziellen Vertreter im Feierabend sind.

„Nach 17 Uhr erreicht man bei den Behörden niemanden mehr. Ab dann klingelt bei uns das Telefon, fast täglich mindestens einmal“, berichtet Mann. Auch nachts, wenn die Polizei die Asylsuchenden zur Abschiebung abholte, war Mann immer wieder im Einsatz. „Wir können dann nichts mehr ausrichten, aber ihnen Beistand leisten“, erzählt die 78-Jährige. Ein Akt der Menschlichkeit – dieser Motor ist es, der Mann seit mehr als drei Jahrzehnten antreibt. „Ich stelle mir immer vor, ich wäre fremd in einem Land. Dann würde ich mir auch wünschen, dass mir jemand zur Seite steht“, so Mann.

Ebenso wichtig ist es ihr, Flagge gegen Fremdenfeindlichkeit zu zeigen – sowie heute bei der vom Bündnis „Pforzheim nazifrei“ organisierten Demonstration gegen den Aufzug der Partei „Die Rechte“. Dass die Aktion der Initiative gegen Rechts so breite Unterstützung in der Bevölkerung gefunden hat, freut Mann besonders, die dieses Engagement als Chance sieht. „Wir haben dieses Mal Unterzeichner dabei, die sich in dieser Form bislang nicht engagiert haben“, so Mann. Sie hofft, dass diese Bereitschaft aus den unterschiedlichsten Lagern kein Strohfeuer ist, sondern sich aus diesem Einsatz eine „kontinuierliche, politische Arbeit“ entwickelt.

Aus Fremden Freunde, genauer gesagt Sportsfreunde, zu machen, ist, was Ibrahim Sönmezates seit rund 20 Jahren drei Mal die Woche in die Sporthalle der Weiherbergschule treibt. Dort trainiert er als Jugendleiter des Judo-Clubs Pforzheim derzeit rund 100 Kinder aus etwa zehn Nationen im Taekwondo. Und das ziemlich erfolgreich: „In dieser Zeit haben wir etwa 2400 Medaillen gewonnen“, erklärt der gelernte Kommunikationstechniker, der fast jedes Wochenende in den Sporthallen des Landes, aber auch Europas unterwegs ist. Denn der Großmeister der koreanischen Kampfsportart – er selbst hat den sechsten Dan – ist nicht nur Trainer, sondern auch Bundesrichter.

Seit einigen Jahren sind dabei vor allem die Bande nach Bosnien und Herzegowina besonders stark. „Vor einigen Jahren haben wir durch die Vermittlung eines Clubmitglieds damit angefangen, sie mit Sachspenden zu unterstützen“, erzählt Sönmezates. Nach und nach wurde der Kontakt mehr, die Taekwondoin besuchten sich gegenseitig auf Turnieren – inzwischen ist Sönmezates regelmäßig mit seinen Mannschaften in dem Balkanstaat unterwegs.

Kein Ende in Sicht

Eine Partnerschaft, die auch zur Völkerverständigung beiträgt. Denn dass Sport viel mehr leistet als nur Gesundheitsförderung hat der gebürtige Türke, der seit 1980 in Pforzheim lebt, am eigenen Leib erfahren. „Ich kam damals alleine mit meinem Vater in die Stadt“, erinnert sich Sönmezates. Über Taekwondo lernte er Leute unterschiedlichster Herkunft kennen und schätzen. Genau so ergeht es heute auch seinen Schützlingen, von denen er seit Beginn seiner Trainerkarriere schon etwa 500 unter seine Fittiche genommen hat. „Kurden, Türken, Serben, Kroaten, Bosnier – zu uns kommen alle und es gab nie Probleme“, berichtet Sönmezates. Beim Training seien sie Partner, müssten gemeinsam arbeiten – und gemeinsam das Beste für das Team geben. „Beim Sport ist es egal, woher du kommst. Wenn ich sehe, wie die Kinder sich freuen und gemeinsam Erfolge feiern – das macht einfach Spaß“, spricht der Taekwondo-Großmeister über seine Motivation im Judo-Club. Und nicht nur dort. Seit 2011 richtet der Verein mit dem „Goldstadtpokal“ regelmäßig Benefizwettkämpfe aus. Rund 50 000 Euro an Spenden sind so schon für Bedürftige aus der Region oder auch Bosnien zusammengekommen. Ans Aufhören denkt Sönmezates genau so wenig wie Mann. „Solange es geht“, so die beiden Staufermedaillen-Träger einstimmig, „mache ich das“. Nicht für sich, sondern jene, für die siesich seit Jahrzehnten täglich einsetzen.