Pforzheim. Nicht wenige beobachten derzeit eine Polarisierung der Gesellschaft, etwa bei den Themen Migration, Corona, dem Umgang mit Russland und der Ukraine. Rasend schnell verbreiten sich Falschnachrichten, die nicht immer sofort als solche zu erkennen sind. Entwicklungen, die auch Christine Lieberknecht (CDU) bemerkt.
Am Donnerstagabend ist die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen anlässlich des Tags der Demokratie im Reuchlinhaus gewesen, um über die Demokratisierung der DDR und ihre Bedeutung für die aktuelle Situation zu sprechen. Organisiert hatte den Abend die Stiftung „Lernort Demokratie“, die in Pforzheim das DDR-Museum betreibt. Dieses hatte Lieberknecht am Nachmittag besucht, um dort mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Für Lieberknecht steht fest, was Roland Jahn einst formuliert hat: „Je besser wir Diktatur begreifen, desto besser können wir Demokratie gestalten.“
Von Erfahrungen geprägt
Lieberknecht kennt Diktatur aus eigener Erfahrung. Sie ist als Tochter eines Pfarrers in der DDR aufgewachsen – in einem Staat, der eine atheistische Weltanschauung propagierte und den Marxismus absolut setzte. Lieberknecht weiß noch, dass sie in jungen Jahren nicht Thälmann-Pionier werden durfte, dass es sie viel Mut kostete, vor den versammelten Mitschülern das rote Halsband abzulehnen. Eine Erfahrung, die sie geprägt hat. Religion spielte für sie schon immer eine große Rolle – auch, wenn von Lenin der Satz überliefert ist, diese sei Opium fürs Volk. „Für mich ist das nicht Opium, für mich ist das Motivation“, sagt Lieberknecht, die als Pfarrerin leidenschaftlich gern gepredigt und Gemeindeabende gehalten hat. Sie trat auch in die CDU-Blockpartei ein, um Kontakt zu Funktionären zu bekommen. Sie engagierte sich in der kirchlichen Friedens- und Jugendarbeit, in der auf Augenhöhe diskutiert wurde: für Lieberknecht ihre persönliche Demokratieschule.
Lehren für den heutigen Tag
Maßgeblich für das Gelingen der friedlichen Revolution 1989 war aus ihrer Sicht neben der weltpolitischen Lage und dem weitsichtigen Wirken Gorbatschows vor allem die lange Vorbereitung aus den Kirchen. Als wichtigen Schritt identifiziert Lieberknecht die Kommunalwahlen des Jahres 1989.
Weil laut DDR-Verfassung auch Kollektive an der Aufstellung der Kandidaten mitwirken durften, wollten viele aus Umweltgruppen ins Rennen gehen. Dass ihnen das verwehrt wurde, sorgte laut Lieberknecht für Verdruss: Das gewachsene Bewusstsein für Partizipation sei vom Staat ignoriert worden. Hinzukam, dass viele miteinander vernetzte Gruppen die Auszählung der Wahl verfolgten – und große Abweichungen vom offiziellen Ergebnis feststellten. Wahlbetrug, gegen den sich Proteste bildeten, denen sich auch bislang unpolitische Passanten anschlossen. Lieberknecht spricht von einem Mobilisierungsschub, von einem Schulterschluss, mit dem die Staatsführung nichts anfangen konnte.
Die ehemalige Ministerpräsidentin zieht daraus Lehren für die aktuelle Situation: Um die Demokratie zu stärken, sei es wichtig, die Menschen nicht im Regen stehen zu lassen, sie zu informieren und mit ihnen zu kommunizieren. Der Entfremdungsschub dürfe nicht einsetzen. Nach dem Erklären folge das Mittun. Immer wieder spricht sie vom Wert der Freiheit und betont die Bedeutung von Bildung. Im Reuchlinhaus verweist sie in diesem Zusammenhang auf das Wirken des 1455 in Pforzheim geborenen Humanisten und lobt das DDR-Museum: „Dass es in Pforzheim so etwas gibt, muss ich in Thüringen, Berlin und Sachsen erzählen.“

