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Die rechtspopulistischen Parolen des Sprechers von „Pax Europa“, Michael Stürzenberger (links), und die damit verbundene Gegendemonstration vor der Schlössle Galerie bedeutete wirtschaftliche Einbußen für die Läden im Einkaufszentrum, wie ein Ladenbesitzer gegenüber der PZ erklärte.  Foto: Meyer 

Demos bringen Geschäftsleuten Verluste - Vandalismus an türkischer Bäckerei

Pforzheim. „Warum“, fragt Karl-Wilhelm Elsässer, Senior-Chef des gleichnamigen Sportgeschäfts im Untergeschoss des Schlössle-Galerie, „kann man eine solche Veranstaltung nicht woanders abhalten als gerade unmittelbar vor unserem Einkaufszentrum? Die Stadt ist doch groß genug.“ Ihm klingeln noch die lauten, am Samstag von 12 bis 19 Uhr ununterbrochenen und unüberhörbaren Parolen des rechtspopulistischen Sprechers von „Pax Europa“, Michael Stürzenberger, in den Ohren.

Kaum ein Durchkommen gewesen sei für die Kundschaft auf der Museumstraße – der eigentlich kürzesten Verbindung unter anderem vom Parkhaus der Sparkasse oder der Garage unterm Hilda-Gymnasium.  Mit für die Geschäftsleute gravierenden Folgen: Der Umsatz, klagt Elsässer, sei um die Hälfte eingebrochen. „Erst beutelt uns Corona – und dann das.“ Das Areal um die Schlössle-Galerie habe einer Festung geglichen.

Schmierereien an türkischer Bäckerei

Geschockt und frustriert ist auch Ümit Kandemir, Betreiber der Ümit-Bäckerei an der Kronprinzenstraße in der Nordstadt. Dass eine Attacke auf seinen Laden unmittelbar mit den Demos in der City zusammenhängt, von denen er im Vorfeld überhaupt nichts wusste, steht nicht nur für ihn außer Frage. Türkische Medien berichteten über den Fall, das Generalkonsulat habe Kontakt zu ihm aufgenommen, so Kandemir. Kunden hatten ihn am Sonntag darauf hingewiesen, dass das Logo seiner Bäckerei auf dem Schaufenster beschmiert wurde, wohl am Samstagabend.

Mit Filzstift haben Unbekannte in englicher Sprache und fragwürdiger Orthografie Hassparolen und Drohungen gegen Gläubige hinterlassen. Wie Polizeisprecher Dirk Wagner auf Nachfrage bestätigt, ermitteln die Kollegen des Reviers Nord, der Staatsschutz sei informiert.

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Pforzheim

Gegendemonstranten stehen plakativ vor den Rechtspopulisten - Polizei trennt Gruppen durch Kette

Katja Mast: „Versuch der Spaltung widerstehen“

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast zeigt sich in einer Mitteilung „sehr besorgt und zugleich entschlossen“ angesichts mehrerer Demonstrationen am Wochenende. Die Corona-Krise, mahnt Mast, befinde sich an einem „Scheideweg“. Die nächsten Tage seien entscheidend. „Und dabei ist es essenziell, dass wir als Gesellschaft zusammenbleiben und jedem Versuch der Spaltung widerstehen.“ Das Demonstrationsrecht sei ein hohes Gut. Wer aber wie „Pax Europa“ Menschen gezielt ausgrenze und an den Pranger stelle, „dem sagen wir klar: Wir wollen euch nicht. Nicht in Pforzheim und auch sonst nirgends“, so die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion.

Dass die AfD versuche, sich „irgendwie dranzuhängen“ spreche für sich, so Mast. Klartext sei auch bei allen angesagt, die immer noch die Pandemie leugneten– wie der selbst ernannte „Grundgesetz-Schützer“ Guido Hofmann bei der Demo am Samstagnachmittag auf dem Marktplatz. Dessen Äußerungen über die Sterblichkeit von Älteren seien „wirklich das Letzte. Jede und jeder Tote ist einer zu viel. Das ist menschenverachtend, und dass es ein Arzt sagt, schlägt dem Fass den Boden aus“, so Mast.

Olaf Lorch-Gerstenmaier

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Claudius Erb

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