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Sein Augenmerk auf ein Schmuckstück gerichtet: Denkmalpfleger Christoph Timm begutachtet die Villa Kahn in der Nordstadt.   Foto: Seibel
Sein Augenmerk auf ein Schmuckstück gerichtet: Denkmalpfleger Christoph Timm begutachtet die Villa Kahn in der Nordstadt. Foto: Seibel
03.01.2016

Denkmalpfleger Timm registriert Boom beim Kauf alter Gebäude

Ein Rekordjahr liegt hinter dem Pforzheimer Denkmalpfleger Dr. Christoph Timm. Auf seiner Liste standen 141 Fälle, im Jahr 2008 und davor seien es nie mehr als 100 Fälle pro Jahr gewesen, sagt er. Er hatte allein 36 Baustellen zu betreuen, darüber hinaus zahlreiche Überprüfungen auf den Denkmalwert eines Objekts. Immer mehr Immobilienverwaltungen wollten zudem Bescheide über planungs- und denkmalrechtliche Einschätzungen seines Fachamtes. Die Investitionssumme privater Bauherren lag für abgeschlossene Projekte im Vorjahr bei 3,2 Millionen Euro.

Den Anstieg seines Arbeitspensums erklärt Timm vor allem damit, dass immer mehr Investoren Denkmäler als attraktive Anlagen durch die steuerlichen Sonderabschreibungen entdeckt hätten. Außerdem zöge es immer mehr Menschen in die Stadt, um dort zu leben. Das Angebot sei deshalb begrenzt. Dabei gebe es immer auch schwer vermittelbare Objekte. Für den Gasometer etwa habe man erst einmal einen Investor finden müssen, der das unternehmerische Risiko habe tragen wollen. Fachwerkhäuser in Ortsteilen seien mitunter auch Ladenhüter. 500 Denkmäler – meist sind es Gebäude mit dem Entstehungsdatum vor dem Krieg – stehen auf seiner Liste, die seit 2012 stagniert.

Eines ist die Villa Kahn an der Kaiser-Wilhelm-Straße in der Nordstadt. Seit dem Verkauf des Hauses aus der wilhelminischen Zeit begleitet Timm das Objekt. Der Investor, der dem Flair des Objekts nicht widerstehen konnte, hat das danebenliegende städtische Grundstück gleich miterworben, um einen modernen Neubau mit Mietwohnungen an den Altbau anzudocken. Dazu habe es Gespräche mit verschiedenen Ämtern in der Verwaltung bedurft, erklärt Timm.

Das denkmalgeschützte Kleinod war im Jahr 1899 nach den Plänen des Architekten Ernst Mahler für den Bankier Adolf Kahn erbaut worden, und beherbergt Mosaik-Holz und Stuckkunst vom Feinsten. Wer das Haus auf Holzdielen und Steinböden betritt, fühlt sich in eine längst vergessene Zeit versetzt. Nur weniges erinnert an die Ausstattung der Nachkriegsjahre.

Ziel sei es, in Absprache mit dem Investor und auf Grundlage von Befunden der Restauratoren so viel wie möglich zu erhalten, ohne dass das Haus zum Museum werde, sagt Timm. So müsse der Originalfarbton für das Treppenhaus ermittelt und die Leitungen im Bad so verlegt werden, dass die Originalausstattung nicht völlig verloren gehe. Zunächst brauche das Haus ein schlüssiges Gesamtkonzept. Und so besteht Timms detektivische Arbeit in einem ständigen Abwägungs- und Koordinationsprozess.

Konflikte gehören dazu

Nicht immer lassen sich dabei Konflikte vermeiden. Im Fall des denkmalgeschützten ehemaligen Raiffeisengebäudes am Güterbahnhof hat der Investor einen Antrag auf Abriss gestellt. Ein Supermarkt soll entstehen. Das Regierungspräsidium überprüfe momentan das vorgelegte Wirtschaftlichkeitsgutachten und ermittle, ob der Erhalt des Gebäudes zumutbar ist, sagt Timm.

Er hatte vor einiger Zeit die Pläne der Stadt, eine Gestaltungs- und Werbeanlagensatzung zu verabschieden, für eine Anfrage beim Landesdenkmalamt genutzt. Ob die Innenstadt nicht gar als Flächendenkmal der 1950er-Jahre zu bewerten sei. Doch das Amt winkte ab. Zu viele Zutaten und Veränderungen aus den Folgejahrzehnten sprächen dagegen. Das ein oder andere Kleinod fand sich aber dann doch bei der Überprüfung auf die Denkmalfähigkeit, sagt Timm.

Die meisten denkmalgeschützten Gebäude aus der Nachkriegszeit seien aber in öffentlicher Hand.