Mike Wunderlich (links) sowie Heike Reisner-Baral und Gerhard Baral bei der Vermessung der Schloßkirche. Foto: Eickhoff
Pforzheim
Die Pforzheimer Schloßkirche von der Gruft bis zum Glockenturm digital erleben
  • Anna Eickhoff

Pforzheim. Die evangelische Schlosskirche St. Michael, eines der geschichtsträchtigsten Gebäude Pforzheims, wird in noch nie da gewesenen Dimensionen digital erlebbar sein. Aus der vor dreieinhalb Jahren noch unerreichbaren Vision von Pfarrerin Heike Reisner-Baral und Ehemann Gerhard Baral wird in nur wenigen Monaten zum „Digitalen Tag des offenen Denkmals“ am 13. September, Wirklichkeit.

Es sind einige Räumlichkeiten der ehemaligen markgräflichen Residenz auf dem Schloßberg, die Interessierten verwehrt bleiben. Das zum Beispiel in der Gruft der Schloßkirche europäische Geschichte begraben liegt, ist vielen nicht bewusst, so Reisner-Baral. 300 Jahre wurden dort die Angehörigen der markgräflichen Familie bestattet. Unter anderem die schwedische Königin oder das Herz des Markgrafen, das dem in Karlsruhe liegenden Leichnam entnommen wurde, weil es für Pforzheim schlug. Die Grablege wird der Öffentlichkeit jedoch nur zu besonderen Anlässen geöffnet, um die Totenruhe auf Wunsch der Nachfahren nicht zu stören.

Das soll sich in Zukunft ändern. Aus einer Grundidee von einer 360-Grad-Perspektive des Kircheninnenraums wuchs eine visuelle Außen- und Innenansicht in zwei Dimensionen, welche zu Hause oder vor Ort am Smartphone besichtig werden kann. Dabei wird jedes Detail der Kirche mithilfe eines Laserscanners und eines Hochstativs, das über zehn Meter ausgefahren werden kann, eingefangen. Der Laser misst 360.000 Entfernungen in der Sekunde und arbeitet mit so einer präzisen Genauigkeit, dass gerade einmal Abweichungen von sechs Millimetern aus zehn Metern Abstand entstehen können.

Umgesetzt wird die interaktive Führung von Mike Wunderlich aus Calw von Undefined Wunderlich Solutions. „Den Laser habe ich mir eigens für diese Arbeit angeschafft. Es ist für mich ein wunderbares Prestigeprojekt, auf das hoffentlich noch viele weitere folgen werden“, so Wunderlich. Mithilfe seiner Freundin werden die beiden Ende Juli neben dem Kirchenraum unter anderem den Glockenturm, den Dachboden, die Gruft und die Außenansicht aufnehmen. Diese wird mit einer Drohne umflogen. Die Orgel wurde bereits von allen Seiten am Samstag aufgenommen, um in der digitalen Führung einen Vergleich zur neuen zu erhalten, die in Kürze aufgebaut wird.

Sehen und hören

„Wir möchten mit dieser Arbeit jedem Interessierten alles sichtbar machen, viele Details, die bisher im Verborgenen geblieben sind“, erklärt Gerhard Baral. Die Kirche kann von außen nicht in Gänze wahrgenommen werden. Der Wasserspeier an der Außenfassade oder Figuren, die im Dunkeln im Kirchenraum liegen, fallen nicht auf. Durch die digitale Führung kann jeder einzelne Stein in einer einmaligen Bildqualität erfasst werden. So kann Kindern bei kirchenpädagogischen Führungen oder Senioren ungesicherte Räume gefahrlos visuell begehbar gemacht werden. 20 Stationen, vom Altar bis zum Stiftschor, werden auditiv untermalt in Zusammenarbeit mit Paul Hoffer von indigo pictures und Schauspielerin Melanie Kalcher, die die Texte einsprechen wird.

Mit Hoffer, dem Pforzheimer Denkmalpfleger Dr. Christoph Timm und Verleger Jeff Klotz fand auch das erste Gespräch vor zwei Monaten statt. Und innerhalb von acht Tagen stand die Finanzierung von 12.000 Euro, so Reisner-Baral. „Alle potenziellen Investoren, die wir ansprachen, waren sofort begeistert und sahen den Mehrwert dahinter. Zudem dürfen wir uns über die großzügige Spende von Mike Wunderlich freuen, der uns die Zusatzkosten der Außenaufnahmen nicht berechnen wird“, freut sich die Pfarrerin. Das zukunftsorientierte Gesamtprojekt wird beauftragt vom Verlagshaus Jeff Klotz mit dem Diakonieverein an der Schloßkirche. An der Finanzierung beteiligen sich daneben auch die „Freunde der Schloßkirche“, die Werner-Wild-Stiftung, die Sparkasse Pforzheim Calw, die Löbliche Singergesellschaft Pforzheim, das Kulturamt der Stadt Pforzheim und der WSP.