Stefanie Kemp (Oracle), OB Peter Boch, Frauke Janßen (Städtetag) und Steffen Braun (Fraunhofer, von links) feiern die Hauptveranstaltung der „Smart City Days“. Foto: Nico Roller
Unterhalten sich im Reuchlinhaus: Steffen Braun (Fraunhofer), OB Peter Boch, Stefanie Kemp (Oracle) und Frauke Janßen (Städtetag, von links). Nico Roller
Pforzheim
„Digital muss total normal werden“ – Hauptveranstaltung der „Smart City Days“ im Reuchlinhaus
  • Nico Roller

Pforzheim. Wenn die Coronakrise eines gezeigt hat, dann, wie wichtig die Digitalisierung ist. In Pforzheim wähnt man sich bei dem Thema auf einem guten Weg und hat inzwischen 20 von 37 Schulen in städtischer Trägerschaft mit einem Glasfaseranschluss versorgt. Nicht die einzige, aber vielleicht die eindrücklichste gute Nachricht, die Oberbürgermeister Peter Boch am Donnerstagabend im Reuchlinhaus nicht ganz ohne Stolz verkündete. Bei der zentralen Veranstaltung, dem sogenannten Main Event, der diesjährigen „Smart City Days“ drehte sich dort alles um die Frage, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte. Für Boch steht fest: „Die Zukunft ist digital – mit allen Herausforderungen und Chancen, die damit einhergehen.“

Auch in Pforzheim macht man sich Gedanken. Schließlich ist die Stadt inzwischen in das Bundesförderprogramm „Smart Cities“ aufgenommen worden, auch mit Unterstützung der Bundestagsabgeordneten Gunther Krichbaum (CDU) und Katja Mast (SPD). „Eine schöne Belohnung für unsere bisherigen Anstrengungen“, findet Boch. Doch was soll geschehen mit den mehr als neun Millionen Euro, die aus dem Programm in die Stadt fließen? Soll man damit die vernetzte Mobilität der Zukunft planen? Oder eine Online-Beteiligungsplattform für Bürger starten? Oder etwas ganz anderes?

Unterhalten sich im Reuchlinhaus: Steffen Braun (Fraunhofer), OB Peter Boch, Stefanie Kemp (Oracle) und Frauke Janßen (Städtetag, von links). Nico Roller

Für Boch ist klar: Die Entscheidung muss gemeinsam getroffen werden, die Digitalisierung eine Bereicherung für das Leben aller Bürger sein. Wobei das Stadtoberhaupt großen Wert auf das Wort „alle“ legt. Damit ist er am Donnerstagabend nicht allein: auch Stefanie Kemp betont die Verpflichtung, jeden Einzelnen zu berücksichtigen bei der Digitalisierung von Städten und Ländern. Die Deutschland-Chefin des Soft- und Hardwareherstellers „Oracle“ sagt: Der normale Bürger müsse mitgenommen werden. Es gehe darum, den Fokus nicht zu verlieren, unterschiedliche Interessen an einen Tisch zu bekommen und die Gelder verfügbar zu machen.

Spannende Zeiten stehen bevor

Steffen Braun macht deutlich, dass Digitalisierung nicht nur ein technisches Thema ist, sondern sich auf den gesamten städtischen Raum bezieht.

Für den Direktor des Forschungsbereichs Urbane Systeme am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation ist klar: Innenstädte werden in Zukunft anders aussehen. Denkbar ist vieles: Ein großer Spielplatz für Jung und Alt, ein Beteiligungslabor oder eine künstlerische Installation, die die Akteure der Stadtgesellschaft sichtbar macht. Virtuelle Realität könnte ebenso eine Rolle spielen wie ein neuer Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeiten und Gewerbe, vielleicht auch dezentrale, emissionsärmere Produktion. „Die nächsten 30 Jahre werden unglaublich spannend.“

Dass die digitale Transformation die Städte verändert, glaubt auch Frauke Janßen, Digitalisierungsbeauftragte des Städtetags. Abgeleitet aus einer entsprechenden Studie, hält sie einen souveränen Umgang mit den Daten für wichtig, die im urbanen Raum entstehen. Daten seien ein strategisches Steuerungsthema, sagt Jansen, gewissermaßen die „Sache der Chefs“. Für den Umgang mit ihnen bedürfe es einer geeigneten, offenen Infrastruktur und einer umfassenden Kompetenz in der Kommunalverwaltung. Als die Veranstaltung nach rund anderthalb Stunden endet, nutzen viele Besucher noch die Gelegenheit, sich im Foyer des Reuchlinhauses auf dem Markt der Möglichkeiten umzuschauen. Einer der Aussteller dort ist die Stadt Pforzheim, die virtuelle Rundgänge durch bekannte Gebäude der Partnerstädte präsentiert. Es ist das erste Mal, dass das Projekt vorgestellt wird. Zu drei Städten gibt es die virtuellen Rundgänge schon. Wenn sie für alle acht existieren, soll das Ganze ins Internet gestellt werden. Auch eine Ausstellung ist geplant.

Apropos Ausstellung: Vor dem Reuchlinhaus steht am Donnerstagabend der InnoTruck des Bundes. In ihm gibt es unter anderem ein nur faustgroßes Lasermessgerät für das autonome Fahren und eine Spritze ohne Nadel zu sehen. Letztere kann flüssige und pulverförmige Wirkstoffe mit fast zweifacher Schallgeschwindigkeit in die obersten Hautschichten schießen, wo es weniger Schmerzrezeptoren gibt.

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