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Egal ob Kabul oder die KF: Olaf Lorch war leidenschaftlich gerne für seine Reportagen unterwegs.  Foto: Sebastian Seibel 

Ein Journalist mit Leib und Seele – Trauer um PZ-Reporter Olaf Lorch-Gerstenmaier

Pforzheim. Mit der Dunkelheit kommt die Kälte. 23. Februar, Pforzheimer Kriegsgedenktag, Neonazi-Fackelaufzug, wütende linke Gegendemonstranten, dazwischen ein Großaufgebot Polizei. Die Stimmung ist hitzig, die Nachtluft frostig. Lorch-Wetter. „Nimm einen Bleistift, bei Regen taugen die Kugelschreiber nichts“ – wie vielen Generationen von Volontären Olaf Lorch-Gerstenmaier das wohl schon geraten hat, wenn er den Redaktionsnachwuchs in den Schlepptau nahm? Er vorneweg, der Volo mühsam folgend, ging es den Wartberg hinauf in jener Gangart, der eine Kollegin die Bezeichnung „Lorch’scher Stechschritt“ verpasste. Nächstes Jahr wird das jemand anderes tun müssen. Olaf Lorch ist am vergangenen Wochenende wenige Wochen nach seiner Krebsdiagnose der heimtückischen Krankheit erlegen.

Der Reporter der „Pforzheimer Zeitung“ wurde nur 60 Jahre alt. Seit 32 Jahren gehörte ol – so sein Kürzel – der PZ-Redaktion an, und er wird noch sehr lange ein Teil von ihr bleiben. Als einer, für den Journalismus, das Wissenwollen, das Berichten von einem Ereignis, einer Situation, mehr als ein Beruf war. Mehr als eine Berufung. Ein Lebensinhalt, eine hingebungsvolle Liebe, wie er sie stärker als seinem Beruf nur seiner Frau Claudia entgegenbrachte.

Fundstücke des Journalismus

Diese Leidenschaft führte ihn als Reporter für die PZ durch Afghanistan, durchs Post-Milosevic-Serbien, durch Armenien, die südamerikanischen Anden. Im Hinreise-Gepäck riesengroße Neugier und ein Hunger nach Geschichten. Auf der Rückreise Begebenheiten mit den Menschen in seinen Notizbüchern, mit Diktatoren-Leibwächtern, Heilerinnen, Straßenkindern mit an Bord. Auch seltene Fundstücke des Journalismus wie das bis zum heutigen Tag unveröffentlicht gebliebene Foto mehrerer rostiger Wellblechhütten, die ein Schild davor als exakt die Universität auswies, an der ein namhafter Pforzheimer seinen akademischen Titel, nunja, erworben hatte. Es ist eben ein feiner Unterschied, ob man der Neugier folgt oder ihre Ergebnisse zur Denunziation verwendet.

Olaf Lorch hat den stets gekannt: Nur was wirklich von öffentlichem Interesse ist, gehört in die Zeitung. Und dann heißt es: rausgehen und die Story machen. Ob in Kabul oder an der KF, in Belgrad oder Büchenbronn, in Eriwan oder der Pforzheimer Weststadt und besonders engagiert auf dem Haidach.

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In seiner Redaktion: So kannten und mochten ihn die Kollegen. Foto: Moritz

Dabei half ihm sein Sinn dafür, wann etwas „in Ordnung“ ist und wann nicht – und genau diesem Sinn hatte er einen Schwerpunkt seines journalistischen Interesses zu verdanken: Olaf Lorch, der Gerichts- und Polizeireporter. Jemand verstößt gegen die allgemeingültige Ordnung, die Regeln, die Gesetze, und löst damit diese faszinierende Maschinerie aus: Der Täter muss gefunden werden, er muss dingfest gemacht werden – und er muss rechtskräftig verurteilt werden.

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So spannend wie mancher erfundene Krimi ist dabei bisweilen die Pforzheimer Wirklichkeit gewesen. Vom spektakulären Versicherungsbetrug über Rotlicht und andere organisierte Kriminalität bis hin zum vollendeten oder versuchten Tötungsdelikt. Und in einem besonders spektakulären Fall der Moment, als die von Olaf Lorch im Grundsatz sehr geschätzten und respektierten Ordnungshüter selbst gegen die Ordnung verstießen, wie er sie versteht. Der einfache Handwerker Harry Wörz sollte für ein Verbrechen zum Bauernopfer gemacht werden, in dem er der einzige Nicht-Polizist war. Lorch, der erfahrene Reporter, war von Anfang an skeptisch und sollte Recht behalten. Mit Leidenschaft, Fleiß, Teamgeist, mit kollegialer Hilfsbereitschaft, großem Wissen, profunder Bildung, feiner Feder und einem nicht minder feinen Gaumen auch als PZ-Gastrokritiker hat der in Ettlingen verwurzelte und in Dietlingen wohnende überzeugte Badener seine Arbeit verrichtet.

Olaf Lorch-Gerstenmaier: „Ein guter Soldat“

Ein hierarchischer Aufstieg war ihm nicht wichtig, anders als die Qualität, die er ablieferte. „Ich bin ein guter Soldat“, pflegte er zu sagen. Ein liebenswürdiger obendrein, der auch Vorgesetzten mit einem „Korinthos Kackos“ zu verstehen gab, wenn sie zu besserwisserisch daher kamen. Der den PZ-Datenschutzbeauftragten schmunzelnd als „den Gestrengen“ bezeichnen konnte. Oder den damaligen Chef einer Pforzheimer Justizaußenstelle als „Filialleiter“, weil der sich über die Bezeichnung seiner Behörde in der PZ als „Justizfiliale“ geärgert hatte. All das wird fehlen. Am meisten er selbst.

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Kollegen und Vorgesetzte trauern um einen hervorragenden Journalisten und liebenswerten Kollegen

„Wir verlieren mit Olaf Lorch einen Kollegen, der bei seiner Chefreportertätigkeit sehr einfühlsam mit den Menschen umging und immer zwei oder mehr Seiten einer Sache beleuchtete. Olaf Lorch war ein hervorragender Journalist und blieb in diesem nicht leichten Beruf dennoch immer Mensch. Wir bedauern seinen viel zu frühen Tod sehr und sind in Gedanken bei seiner Frau“, sagen PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer und der Geschäftsführende Verleger Thomas Satinsky.

Orkan Lothar, Redakteur Olaf Lorch-Gerstenmaier

„Wir können es noch gar nicht richtig fassen, dass Olaf weg ist und nicht mehr kommen wird. Er hinterlässt eine riesengroße Lücke, fachlich und menschlich. Ich persönlich habe über 22 Jahre lang mit ihm in einem Büro gesessen und mit ihm zusammengearbeitet“, sagt PZ-Chefredakteur Marek Klimanski. „Er war ein toller Reporter, ein feiner Kerl und ein zuverlässiger und hilfsbereiter Kollege“, urteilen Klimanski und Alexander Huberth, der mit Klimanski eine Doppelspitze in der Chefredaktion bildet, unisono.

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Auch in den anderen Abteilungen des Hauses war Olaf Lorch-Gerstenmaier geschätzt, er gehörte zeitweilig auch dem Betriebsrat an. „Olaf fehlt uns – als Kollege, aber vor allem auch als Freund, der stets ein offenes Ohr hatte“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Anke Baumgärtel, die die Zeit mit ihm und Claudius Erb am „Altherren-Tisch“, wie er ihn gerne bezeichnete, nie vergessen wird. Wirtschaftsredakteur Lothar Neff, der Lorchs komplette Zeit bei der PZ miterlebt hat, erinnert sich an einen langjährigen Weggefährten: „Wir haben 32 Jahre zusammengearbeitet. Der Gerichtssaal war sein Wohnzimmer – Olaf war an jedem Tatort vor Ort, bestens vernetzt und stets der Aktualität und Qualität der Recherche verpflichtet. Wir vermissen dich ...“

Marek Klimanski

Marek Klimanski

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