Längst reitet der Marlboro-Cowboy wegen des Verbots der Zigarettenwerbung nicht mehr durch die Stadt, um dem Betrachter das Gefühl von Männlichkeit und Freiheit zu vermitteln. Er ist unter anderem aktuell abgelöst durch Hinweise auf Zwei-System-Kameras mit Ultraweitwinkel und unlimited Datenvolumen, Ökostrom, „Funkelstilzchen“ oder „lecker aufs Land“. Einen besonderen Blickfang schaffen, das ist das Credo in der Werbebranche, um in der Fülle des visuellen Angebots nicht unterzugehen, vor allem jedoch, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Immer mal wieder sind es bespielsweise die teils witzigen Plakate der Reihe „Brennt’s im Schritt?“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, um der Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten entgegenzuwirken, deren Cartoons für Gesprächtsstoff sorgen.
Ein Hingucker ist derzeit sicher das Plakat, mit dem ein bundesweit agierendes Unternehmen für Außenwerbung an der Zerrennerstraße neben dem Eingang zur Volkshochschule (Einfahrt zum Wohn- und Geschäftshaus „Arcadia“) in Nachbarschaft zu Post und Cineplex die Blicke auf sich zieht. Zum Motto „Plakat..verführt“ zeigt es einen weit geöffneten Frauenmund mit knallrot geschminkten Lippen, wobei die ebenso rote Zunge offensichtlich genussvoll an einem gleichfalls roten, rund geformten, stangenförmigen Wassereis mit einer oben angebrachten kleinen Delle schlotzt. Ein Schelm, der dabei Böses denkt.
Um beim historischen Original zu bleiben: „Honi soit qui mal y pense“, dem Wahlspruch des englischen Hosenbandordens, um den sich eine pikante Legende rankt. Auf einem Ball soll Catherine Montacaute, Gräfin von Salisbury, die angebliche Geliebte von König Eduard III. (1312-1377) ihr Strumpfband verloren haben. Der Monarch hebt es auf und bindet es sich um sein Bein und ruft so Gelächter hervor. Oder amüsierten sich die Ballgäste über das verrutsche Kleid der Gräfin? Edward habe darauf mit „Ein Schelm, der dabei Böses denkt“ geantwortet und tat gleichzeitig kund, dass er das Tragen des Bandes fortan zu einer ehrenvollen Angelegenheit machen werde.
Wurden nun beim Eis-Lutschen-Motiv die Grenzen des guten Geschmacks überschritten? Die Stadt Pforzheim, so die dazu befragte Frauenbeauftragte Susanne Brückner, habe bereits vor fast 20 Jahren „Richtlinien zur Regelung von Werbung auf städtischen Flächen erlassen, die Sexismus-Verbote enthalten“. Danach liege sexistische Werbung regelmäßig dann vor, „wenn einzelne Körperteile von Personen derart in sexueller Weise in den Vordergrund gespielt werden, dass das Werbematerial in ganz überwiegendem Maße der Erregung der Aufmerksamkeit und weniger der Übermittlung einer Produktbotschaft dient“.
Da sei der zwischen der Werbebotschaft und der visuellen Darstellung hergestellte textliche Bezug von entscheidender Bedeutung.Dieselbe Definition gelte „für extrem abstoßendes Bildmaterial, sofern Gewaltszenen oder extreme Leidenssituationen von Lebewesen dargestellt werden, die nicht oder kaum in einem Bezug zum beworbenen Produkt oder zu der tatsächlichen zu transportierenden Werbebotschaft stehen.“ Dem die Frauenbeauftrage noch anmerkt, dass nach ihrer Überzeugung der Verzicht auf sexistische und herabwürdigende Werbung - übrigens nicht allein für Frauen, sondern für alle Mitglieder der Stadtgesellschaft - zum Erscheinungsbild und zum Wohlfühlklima in einer Stadt maßgeblich beitrage.
Als zu sexistisch wird dieses Eis-Lutschen unter dem Motto „Plakat..verführt“ offensichtlich nicht gesehen. Es verstößt auch nicht gegen die Verhaltensregeln des Deutschen Werberats. Das Model werde nicht herabgewürdigt. „Die eventuell unpassende Wirkung“ entfalte das Plakat „aufgrund der Fokusierung auf dem zweideutigen Lecken des Wassereises“, so die Antwort. Eine sexistische Diskriminierung der Frau werde aber nicht gesehen.

