Pforzheim. Mit der Reichspogromnacht, die sich in der zurückliegenden Nacht zum 82. Mal jährte, begann im November 1938 der systematische Massenmord an den europäischen Juden. Auch in Pforzheim wurden Menschen misshandelt und inhaftiert, die Synagoge verwüstet, der Friedhof geschändet. Während der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Rami Suliman, und der Erste Bürgermeister Dirk Büscher am Montagvormittag auf dem „Platz der Synagoge“ Kränze niederlegten – ein dritter kam von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier –, ging zeitgleich ein Video online. Es ersetzte aufgrund der Corona-Pandemie die traditionelle Gedenkveranstaltung im VolksbankHaus. Es sei ein wichtiger Gedenktag, der nicht „unbemerkt an uns vorüberziehen darf“, sagt Büscher in seiner Videobotschaft.
Blick auf die Gesellschaft
Dabei dürften das gesellschaftliche Klima und die sozialen Strukturen nicht ausgeblendet werden, die die Taten damals befördert hätten, so Büscher. Es gelte, wachsam zu bleiben. Dabei zog der Bürgermeister Parallelen zur Gegenwart: „Antisemitische Hetze findet auch heute Menschen, die sie teilen und verbreiten, in Worten und Taten. Rassistische, antisemitische, radikal oder religiös motivierte Morde und Gewalttaten sind eine erschreckende Realität in unserer Gegenwart. Propaganda und Lügen, Populismus und Verschwörungstheorien finden auch heute Menschen, die gerne daran glauben und dem folgen, was ihnen vorgedacht und vorgesagt wird“, warnt Büscher. „All das gibt es also noch immer.“
Auch deshalb sei es so wichtig, dass das Thema im Unterricht und in der Archivpädagogik am Beispiel der eigenen Stadt erforscht werde. Das Erinnern an die Verbrechen an den Pforzheimer Juden sei untrennbar verbunden mit dem Auftrag, dass die Schicksale, Namen und Identitäten nicht vergessen werden dürften. Einen Beitrag dazu leisten in dem rund 30-minütigen Video Hilda-Gymnasiastinnen, die die Schicksale einiger jüdischer Schülerinnen vortragen, die einst selbst die Pforzheimer Bildungseinrichtung besuchten. Die Biografien haben sie mit ihrem Lehrer Martin Rühl zusammengefasst. Die Schüler Julia Wienicke und Elias Minnerop vom Reuchlin-Gymnasium lesen im Anschluss Briefe von Philipp-Pinchas Loebl und Ruth Ballin vor, verfasst 1989, die darin auf ihre Schulzeit zu Beginn des Nationalsozialismus und ihre Emigration zurückblicken. So erinnert sich Ballin, wie ihr Vater in der Pogromnacht „halb totgeschlagen“ wurde, während Loebl am Horizont bereits erneut Warnzeichen für Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus erkennen kann.
Büscher mahnt aber auch: „Das Erinnern daran, was geschehen ist, die Überzeugung, dass es nie wieder geschehen darf, sind noch nicht die Garantie dafür, dass es nie wieder geschehen kann.“ Es genüge nicht, überzeugt zu sein, es gelte auch, für diese Überzeugung einzutreten und danach zu handeln.
Das Video zum Gedenktag ist unter www.pforzheim.de/gedenkfeier abrufbar.

