Pforzheim. Besim Karadeniz kannte Pforzheims Schwächen und gab die Stadt dennoch nie auf. In mehr als 4000 Beiträgen machte der Journalist das Onlineportal PF BITS zu einer unabhängigen Stimme, während sein eigenes Herz immer schwächer wurde. Ein Nachruf auf einen unbeirrbaren Optimisten, einen Bruder und Freund. Die Trauerfeier findet am Dienstag, 11. August, um 14 Uhr auf dem Hauptfriedhof Pforzheim statt.
Um Besim Karadeniz zu verstehen, sagt seine jüngere Schwester Betül, müsse man 14 Jahre zurückgehen. Besim war damals 37 Jahre alt, IT Berater und auf Geschäftsreise in Berlin, als sein Herz aus dem Takt geriet. In der Charité wurde Vorhofflimmern festgestellt. Eine verschleppte Erkältung hatte sein Herz schwer geschädigt. Ein implantiertes Gerät überwachte fortan seinen Herzschlag. Besim kehrte nach Pforzheim zurück. Mit einer schweren Diagnose, über die er kaum sprach.
Die Wahrheit über seine Krankheit behielt er für sich
Seine Familie wollte er nicht mit seiner Angst belasten. Er behielt sie für sich. Erst viele Jahre später erfuhr Betül von einer Ärztin, was die Herzinsuffizienz ihres Bruders bedeutete. Sein Herz würde nicht wieder gesund werden. Er werde daran sterben. Dreizehn Jahre lang, sagt Betül, sei er mit dieser Gewissheit durch sein Leben gegangen. Ohne Klage. Ohne Selbstmitleid. Selbst in den Monaten, in denen Schläuche in seinen Körper führten, die linke Herzkammer versagte und ihm eine Pumpe eingesetzt wurde, blieb sein Satz derselbe: "Da muss man jetzt durch."
Wie ein Uhrmacher aus Trabzon nach Pforzheim kam
Besim Karadeniz wurde am 16. April 1975 in Pforzheim geboren. Seine Familie stammt aus Trabzon am Schwarzen Meer. Sein Vater Erkan war gelernter Uhrmacher. In der Zeit der Anwerbung türkischer Arbeitskräfte fuhr er nach Ankara und sagte, er wolle nach Pforzheim. Stattdessen schickte man ihn zunächst zu den Ford Werken nach Köln. Neun Monate später erreichte er doch die Stadt, die er sich ausgesucht hatte. Drei Jahre danach lernte er Beviye kennen, die in Pforzheim alle Bärbel nannten. Drei Monate vor dem geplanten Hochzeitstermin holte er sie zu sich. Im Jahr 1971 kam sie nach Pforzheim. Herkunft und Religion, so lautete ein Grundsatz der Eltern, waren weniger wichtig als das Herz eines Menschen. Sprache war wichtig. Bildung war wichtig. Offenheit war wichtig.
Technik war sein Beruf, Öffentlichkeit seine Leidenschaft
Besim wuchs in einem Haus auf, in dem Lehrer auf dem Sofa saßen, Kaffee tranken und ihre Uhren von seinem Vater reparieren ließen. Seine Mutter engagierte sich in der Schule. Früh fiel auf, wie leicht Besim das Lernen und vor allem die Sprache fielen. Er war kreativ, hochbegabt und schnell gelangweilt. Nach Stationen am Kepler Gymnasium und an der Realschule machte er sein Fachabitur an der Ludwig Erhard Schule und ging in die IT Branche. Später arbeitete er selbstständig, entwickelte Internetseiten und war unter anderem am Aufbau eines Intranets für die Sparkasse beteiligt. Technik war sein Beruf. Öffentlichkeit wurde seine Leidenschaft.
PF BITS und der Mann, der genauer hinsah
Schon in jungen Jahren absolvierte er ein Praktikum beim ZDF. Die Begeisterung für Medien blieb. Er arbeitete als Kameramann, auch beim Open Air Kino im Enzauenpark. Vor allem aber schrieb er. Mit der Website PF BITS schuf Besim Karadeniz einen Ort für Pforzheim, der sich nicht mit Pressemitteilungen zufriedengab. In mehr als 4000 Beiträgen schrieb er über Stadtpolitik, den Gemeinderat, Veranstaltungen, technische Entwicklungen und über die Zukunft seiner Stadt. Er legte den Finger in die Wunde. Und er wusste, wo er drücken musste. Besim redete Probleme nicht klein. Er war aber auch keiner, der beim Bruddeln stehen blieb. Er erkannte, was nicht funktionierte, und überlegte sofort, wie es besser gehen könnte. Sein Freund Timo Gerstel beschreibt ihn als freien Kopf, der sich niemals hätte vorschreiben lassen, was er schreiben, sagen oder denken sollte.
Die beiden hatten sich über ihre Arbeit kennengelernt. Besim war Kunde in Gerstels Autohaus. Aus gemeinsamen Interessen an Computern und Technik wurde eine Freundschaft. Abends saßen sie im Schlosskeller, redeten über Gott und die Welt und dachten sich Ideen aus. So entstand auch der Gerstelblog, der mit einem Internetpreis ausgezeichnet wurde und bis heute weitergeführt wird. Besim brachte das Unternehmen beim Thema soziale Medien voran. Er hörte nicht nur zu. Er dachte mit, entwickelte Vorschläge und blieb ruhig, wenn andere längst nervös wurden.
Einer, der Pforzheim nicht schonte
Diese Ruhe zeigte sich selbst bei technischen Problemen. Wenn das Internet ausfiel, sagte Besim, man solle den Switch zurücksetzen. Manchmal dauerte es zwei Tage, bis alle anderen einsahen, dass er recht hatte. Besim war belesen, neugierig und offen. Er verschlang Bücher auf seinem Kindle, abonnierte Zeitungen und Magazine und verschickte seiner Schwester ständig Texte mit der Aufforderung, sie müsse das unbedingt lesen. Nur einmal, sagt Betül, habe Besim den großen Bruder herausgekehrt. Sie müsse Abitur machen. Sie machte Abitur, wurde Textilingenieurin, ging ins Management und später in den Vertrieb. Sie lebte zehn Jahre in Hamburg und reiste beruflich durch Deutschland und um die Welt. Besim mischte sich nicht in ihr Leben ein. Er bestärkte sie.
Vor einer Weltreise gab er ihr seine American Express Karte. Als die Bank die Karte wegen der vielen ausländischen Zahlungen sperrte, musste er erklären, dass sie nicht gestohlen worden war. Während Betül fortging, blieb Besim in Pforzheim. Er hielt zu Hause die Stellung. Sie nennt ihn die Bastion der Familie. Weil er da war, konnte sie durch die Welt fliegen. Ihre gemeinsamen Treffen hatten einen festen Ort. Wenn Betül nach Pforzheim kam, gingen die Geschwister zu McDonald’s. Dort gab Besim seinen Lagebericht ab. Er erzählte, was im Gemeinderat beschlossen worden war, was ihn ärgerte, was Hoffnung machte und wer gerade mit wem stritt.
Betül wollte Pforzheim lange nur hinter sich lassen. Besim widersprach. Die Diskussion, Pforzheim sei einfach schlecht, konnte man mit ihm nicht führen. Er kannte die Schwächen seiner Stadt. Gerade deshalb blieb er ihr loyal. Immer mit Blick nach vorn. Reisen musste er dafür nicht. Besim setzte sich an seinen Flugsimulator und startete. Seine Schwester schickte ihm vor langen Flügen ihre Daten. Dann wusste sie, dass er dabei war. Manchmal flogen sie auch gemeinsam, wenigstens am Bildschirm.
Für seine Schwester war er die Bastion zu Hause
Im vergangenen Jahr verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Wassereinlagerungen führten zu einer Lungenentzündung. Die linke Herzkammer arbeitete kaum noch. Besim verbrachte Monate auf der Intensivstation in Freiburg. Eine Pumpe unterstützte sein Herz. Es folgten Komplikationen, Infektionen und weitere Lungenentzündungen.
Er kämpfte sich zurück. In der Reha lernte er wieder zu gehen. Zu Hause wurde ein Treppenlift eingebaut. Sein linker Fuß blieb geschädigt. Vor wenigen Wochen kam die nächste Lungenentzündung. Auch die rechte Herzkammer wurde schwächer. Die Ärzte bereiteten ihn auf die Warteliste für ein Spenderorgan vor. Dann erlitt Besim eine Hirnblutung. Als die Luftrettung unterwegs war, sagte Betül zu ihm wie schon zuvor: Du fliegst vor, ich fahre hinterher. Zum ersten Mal sagte ihr Bruder, er habe Angst. Am Samstagabend entschied die Familie gemeinsam mit den Ärzten, die Geräte abzustellen. Wenige Minuten später hörte sein Herz auf zu schlagen.
Du fliegst vor, ich fahre hinterher
Besim Karadeniz hatte immer gesagt, körperliche Einschränkungen könne er ertragen, solange er denken, sprechen und schreiben könne. Dass ihm ein Leben ohne diese Fähigkeiten erspart blieb, ist ein schwacher Trost. Aber es ist einer. Kurz vor seiner letzten großen Krankheitsphase kündigte er auf PF BITS seine Rückkehr an. Die Seite war notfallmäßig pausiert worden. Leser, Kollegen und Freunde hatten sich nach ihm erkundigt. Manche sagten, jetzt müsse der Karadeniz endlich wieder seinen scharfen Senf dazugeben. Besim antwortete, er werde wiederkommen. Das neue Senfglas werde bereits aufgebaut. Nun bleibt es geschlossen.
Was bleibt, sind seine Texte. Seine Ideen. Die Technik, die er aufgebaut hat. Ein großes Netzwerk von Menschen, die noch immer zum Telefon greifen möchten, wenn in Pforzheim etwas geschieht. Um Besim anzurufen. Um ihn zu fragen, was er davon hält. Seine Antworten werden fehlen. Und mit ihnen einer, der diese Stadt genau genug kannte, um sie zu kritisieren. Und sie sehr genug mochte, um sie niemals aufzugeben.
Am 25. August zeigt das Kommunale Kino im Rahmen der Open Air Kino Wochen zu Ehren von Besim Karadeniz seinen Lieblingsfilm „Dirty Dancing“. Beginn ist um 20.30 Uhr im Kulturhaus Osterfeld. Der Erlös geht an das Medical Intervention Car der Björn Steiger Stiftung, dessen medizinische Möglichkeiten Besim Karadeniz mehrfach das Leben retteten. Das Spezialfahrzeug ist rund um die Uhr im Einsatz und unter anderem mit einer Herz Lungen Maschine, Möglichkeiten zur Bluttransfusion sowie Technik zur Versorgung schwerstkranker Kinder, Neugeborener und Frühchen ausgestattet.

