Pforzheim
Einer, der das Juwel im Abgewetzten sieht

Pforzheim. Zwei konträre Szenen erklären vielleicht am besten, wie Franco Pascale (66) tickt. In einem Fall betritt eine Kundin mit einem Paar Stiefel den kleinen Schuhmacherladen in der Christophallee. Die Stiefel sehen, um es mal gelinde auszudrücken, aus, als ob sie gern getragen wurden.

Sehr gern sogar. Pascale erkennt mit einem Blick: „Das sind teure Lederstiefel.“ Wert: mehrere Hundert Euro. Die kriegt er wieder hin. Vielleicht besser, wenn die Kundin nicht sieht, wie er mit roher Gewalt und einer Zange „ratsch“ die Sohle runterreißt. Die Trägerin der Lederstiefel wird etwa zwei Wochen auf ihre Lieblinge warten müssen, aber dann sehen sie (fast) aus wie neu. In einem anderen Fall kommt eine Kundin mit zwei Paar Schuhen, einmal Sandalen mit Löchern und abgerissenen Riemen; die Pumps, die sie noch dabei hat, haben auch schon einiges mitgemacht. Auch da genügt ein kurzer Blick: „Lohnt sich nicht. Das sind keine guten Schuhe.“ Die Kundin schaut etwas konsterniert, ob sie den Hinweis „die kannst du wegwerfen“ dann so umsetzt, ist nicht bekannt.

„Ich bin immer ehrlich“, sagt Pascale. Bringt ja auch nichts, wenn die Reparatur des Schuhs mehr kostet als der Schuh selbst. Wer den Schuhmacher, der außerdem Schlüsseldienst, Türöffnung und Ledernäharbeiten aller Art anbietet, kennt, der weiß auch: Die Augen des aus Apulien stammenden Mannes fangen zu leuchten an, wenn er einen guten, einen hochwertig verarbeiteten Schuh in die Hand bekommt. Wie besagte Lederstiefel. „So was macht mir dann Spaß“, sagt er.

Mit 16 Jahren ausgewandert

Und er sagt auch: „Das hier macht keiner mehr.“ Was genau? Er schaltet in seinem an ein sorgsam sortiertes Chaos erinnernden Arbeitsbereich eine Maschine an, deren Geräusch sich fast wie eine schnurrende Katze anhört. Für ihn vielleicht.

Damit fräst er die neu aufgebrachten Sohlen, man könnte auch sagen: Er versäubert die Kanten zu einer glatten Einheit. Wie neu eben. Und wieso kann das keiner? „Die Handbewegung muss man drauf haben. Die Hand dreht sich komplett mit dem Schuh, um 360 Grad.“ Dass er mal in Pforzheim landen und ein eigenes Schuhmachergeschäft haben würde, war nicht auf dem Lebensplan, als er mit 16 Jahren aus dem Dörfchen Manfredonia in Apulien, am Golf von Manfredonia, aufbrach. Mit keinem bestimmten Ziel, einfach raus. Ihm war alles zu eng, alles zu strikt geregelt gewesen. Dazu steht er: Pascale ließ sich treiben, genoss das „dolce vita“ an verschiedenen Orten Europas, schlief im Auto, fuhr nach Gusto kreuz und quer. „Ich war faul“, sagt er lachend. Irgendwann in den 1980er-Jahren spülte es ihn auch nach Pforzheim. Hier arbeitete ein Onkel als Schuhmacher. Doch er ging auch hier seine eigenen Wege, arbeitete unter anderem bei einem Schuhmacher im damaligen Kaufhaus Schneider. Der Zufall führte ihn in die Schuhmacherei in der Christophallee. Und irgendwann kaufte er den Laden. Das war etwa um das Jahr 1988 herum. Doch vor der Inbetriebnahme wartete einiges an Arbeit auf ihn. „Alles selbst gemacht“, sagt er und weist auf farbige Wände, auf Holzregale, Werkstatttisch. Könnte man mal renovieren, aber Pascale, der eigentlich auswandern und sowieso in Rente gehen wollte Ende des Jahres, macht erstens weiter. Und zweitens wird nicht mehr renoviert. Überall stehen Kartons und Körbe, vollgestopft mit Schuhen. In den Regalen häufen sich die reparierten. Pascale weiß genau, wo was zu finden ist an den verschiedenen Ablageorten. Etwa 80 Paare hat er noch zu machen. An Arbeit mangelt es also nicht. „Die Kunden müssen zwei Wochen warten, schneller geht es nicht“, sagt er. Auch wenn er für die besagten Lederstiefel nur eine Stunde Arbeit investieren muss. In all den Jahren hat sich Pascale einen guten Ruf erworben – „Am Anfang war es nicht leicht. Damals gab es auch noch zehn Schuhmacher in der Nordtstadt, jetzt bin ich der Einzige“.

Spezialität: Wanderschuhe

Spezialisiert hat sich der Mann, der in Tiefenbronn wohnt und jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fährt, zudem in der Freizeit gern in der Natur ist (unter anderem zum Pilze sammeln), auf Wanderschuhe und Trekkingschuhe. Seine 27 Abholstellen im Enzkreis bis Berghausen und Rutesheim, die er zweimal pro Woche anfuhr, hat er nicht mehr. Außer in Tiefenbronn, wo immer noch Reparaturarbeiten zu seinem Wohnort gebracht werden. So ist der Pugliese (wie die aus dem am Stiefelabsatz liegenden Apulien Stammenden genannt werden) doch zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Denn auch sein Vater und Onkel sowie Brüder sind Schuhmacher geworden. Der Apfel fällt doch nicht weit vom Stamm.

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