Krebserkrankungen nehmen zu, und die Diagnose ist mit vielen Ängsten verbunden. Das Siloah St. Trudpert Klinikum stellt daher dieses Thema in den Mittelpunkt seines Messeauftritts bei der „Vital 2019“ am Wochenende, 19. und 20. Oktober. Welche Therapiemöglichkeiten und Mutmacher es gibt, erläutern Oliver Bachmann, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 1, Tim Schulz, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und minimal-invasive Chirurgie, sowie Sina Lotfi, Leiter des Zentrums für Onkologie.
Pforzheimer Zeitung: Schockdiagnose Krebs: Was macht dies mit den Patienten?
Sina Lotfi: Wenn die Diagnose kommt, wird einem erst einmal der Boden unter den Füßen weggezogen. Nicht nur den Patienten, sondern auch ihren Angehörigen. Das Wichtigste ist daher, dass die Patienten sich gut aufgehoben fühlen. Durch unsere diagnostischen Maßnahmen und Therapien zeigen wir auf, dass Krebs nicht zwangsläufig mit einem Lebensende gleichzusetzen ist, sondern dass Patienten geheilt werden oder auch noch viele Jahre ohne wesentliche Einschränkungen leben können.
Warum kann man den Patienten derart Mut machen?
Tim Schulz: Anhand von wissenschaftlichen Grundlagen können wir heute sagen, dass 60 Prozent der Frauen zehn Jahre nach der Tumordiagnose und 55 Prozent der Männer noch leben. Das bedeutet für jeden einzelnen Patienten, er hat eine gute Chance geheilt zu werden. Natürlich hängt es auch sehr davon ab, in welchem Stadium sich der Tumor befindet und welche Therapiemöglichkeiten es gibt. Zum Glück hat sich dies in den vergangenen Jahren immer mehr zum Vorteil der Patienten entwickelt. Oliver Bachmann: In der Onkologie gibt es enorme Fortschritte. Das betrifft sowohl Diagnostik als auch Therapie. Durch die Einführung der Darmkrebsvorsorge beispielsweise ist es gelungen, die Zahl der Darmkrebsfälle deutlich zu reduzieren. Beim Schwarzen Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium etwa, der bis vor einigen Jahren praktisch noch keine Therapieoptionen hatte, gibt es heutzutage neue Medikamente und wissenschaftliche Erkenntnisse, was die Behandlungsmöglichkeiten betrifft. Und auch wenn eine vollständige Heilung nicht erreicht werden kann, gilt es alle Aspekte, die das Leben des Krebspatienten erleichtern, in Angriff zu nehmen. Das betrifft nicht nur die tumorspezifische Therapie, sondern auch die Schmerztherapie, Ernährungstherapie und Versorgung zuhause.
Welche Bedeutung hat das Tumor-Board?
Schulz: Seit 2007 gibt es das Tumor-Board am Siloah St. Trudpert Klinikum. Hier sitzen die Spezialisten, die sich bei Diagnostik und Therapie am besten auskennen, an einem Tisch. Im Tumorboard besprechen wir für jeden einzelnen Krebs-Patienten ein auf sein individuelles Stadium maßgeschneidertes Therapiekonzept – also, was in welcher Reihenfolge gemacht wird. Bachmann: Und wir sehen den ganzen Patienten. Was die medizinische Behandlung betrifft, sind wir hochspezialisiert und haben alle flankierenden Möglichkeiten im Haus verortet – ob Palliativmedizin, spezielle onkologische Pflege, Ernährungsmedizin oder Psychoonkologie.
Warum ist die Psyche bei Krebs so entscheidend?
Schulz: Man muss sich für einen Krebspatienten viel mehr Zeit nehmen, sowohl bei der Diagnose als auch der Behandlung. Denn der Patient durchläuft unweigerlich Phasen der Diagnoseverarbeitung. Steht die Diagnose Krebs im Raum, hat jeder Ängste. Diese behindern viele Patienten leider dabei, verschiedene diagnostische und therapeutische Schritte zu akzeptieren. Sind Patienten sehr offen, ist es relativ einfach. Egal ob Bestrahlung, Chemotherapie oder Operation – ein Patient, der mit seiner Situation gut zurechtkommt, wird jede Therapie besser vertragen und mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr davon profitieren als ein anderer.
Welche Rolle spielt die Immuntherapie bei Krebs?
Lotfi: Das Prinzip der Immuntherapie ist es, die Blockade des Immunsystems aufzuheben. Das eigene Immunsystem muss das Tumorgewebe wieder als fremd erkennen und aus eigener Kraft versuchen, es zu vernichten. Die Therapie hilft allerdings nicht bei jedem Krebspatienten, aber wenn sie hilft, ist sie wesentlich effektiver als die Chemotherapie und meistens auch wesentlich verträglicher.
Viele Menschen haben Angst vor der Chemotherapie, was hat sich auf diesem Gebiet getan?
Lotfi: Die Begleittherapie der Chemotherapie hat sich entscheidend verbessert. Aus diesem Grund können wir Chemotherapien heute auch ambulant durchführen. Zudem ist die Verträglichkeit der Therapien für die Patienten besser geworden, was die Lebensqualität positiv beeinflusst. Zum großen Teil verdanken wir dies der Möglichkeit der individualisierten Behandlungen.
Spüren Sie im Haus eine Zunahme der Krebserkrankungen?
Bachmann: Die Zahl der Fälle nimmt zu, auch hier im Haus. Im Zentrum für Onkologie liegen wir im Jahr bei rund 3000 Patienten.
Woran liegt die Zunahme?
Bachmann: Die Bevölkerung wird immer älter, und bestimmte Krebsarten treten im Alter häufiger auf. Nach einer neuen Studie haben die Tumorerkrankungen aber auch in der mittleren Altersgruppe die Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Todesursache Nummer eins überholt.
Was können die Menschen selbst für die Prävention tun?
Schulz: Wichtig ist es, die Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Gehört man zu einer Risikogruppe, weil etwa Familienmitglieder bereits erkrankt sind oder weil sich bereits entsprechende Symptome zeigen, sollte man zur Diagnostik gehen. Dass man nicht rauchen sollte, ist sowieso klar. Auch der häufige Verzehr von rotem Fleisch erhöht das Krebsrisiko. Und dann wissen wir: Umso fitter Patienten sind, umso mehr sie sich bewegen, desto geringer ist das Risiko, an Krebs zu erkranken. Dass man selbst etwas für seine Gesundheit tun und damit das Krebsrisiko senken kann, ist eine ganz wichtige Erkenntnis.
Krebs macht nicht vor Organen Halt. Ist dies der Grund, warum sich so viele Abteilungen der Klinik auf der Vital 2019 mit diesem Thema befassen?
Bachmann: Die Lebenserwartung steigt immer mehr und die Anzahl bösartiger Erkrankungen nimmt zu. Das Thema Onkologie eignet sich in besonderer Weise, um die Zusammenarbeit und Vernetzung verschiedener Bereiche darzustellen.

