Sandra Eifert hat mit Suzann Kirschner-Brouns Erkenntnisse aus Praxiserfahrung und Forschung im Buch „Herzsprechstunde“ zusammengefasst. Michael Bader
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Pforzheim
„Frauenherzen schlagen anders“: Professor Dr. Sandra Eifert im PZ-Interview
  • Uta Volz

Zwischen den Herzen von Männern und Frauen gibt es biologische und soziale Unterschiede, die großen Einfluss auf Herzerkrankungen haben. Diagnostik und Therapie sind bei Frauen zudem schlechter erforscht. Bei Frauen ab dem 50. Lebensjahr sind Herzkreislauferkrankungen die Todesursache Nummer eins. Professor Dr. Sandra Eifert, seit 16 Jahren Herzchirurgin und Gendermedizinerin, möchte das als Leiterin einer der größten europäischen Frauenherzsprechstunden am Herzzentrum Leipzig ändern. Zusammen mit der Medizinerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Suzann Kirschner-Brouns hat sie wichtige Erkenntnisse aus Praxiserfahrung und Forschung in dem Buch „Herzsprechstunde. Warum das weibliche Herz anders ist und wie es gesund bleibt. Hormone, seelische Einflüsse, Risikofaktoren: So schützen Sie Ihr Herz“ zusammengefasst. Am Dienstag, 24. Oktober 2023 sind die beiden Autorinnen im PZ-Forum zu Gast und stellen das Buch vor. Die PZ hat im Vorfeld mit Sandra Eifert gesprochen.

PZ: Frau Dr. Eifert, Herzkrankheiten bei Frauen sind anders, warum ist das so?

Sandra Eifert: Das Herz ist in einem Frauenleben besonderen Phasen wie Pubertät, Schwangerschaft, Menopause und Alterung ausgesetzt. Von den klassischen Risikofaktoren Fettstoffwechselstörungen, Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes spielen bei Frauen die beiden letztgenannten die größte Rolle. Dazu kommen weitere Risiken wie Schwangerschaftskomplikationen, welche die Gefahr, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden oder Autoimmun- oder rheumatische Erkrankungen zu bekommen, deutlich erhöhen.

Wird das nicht erkannt oder entsprechend behandelt?

Bei Diagnostik und Therapieformen sollte, wie man inzwischen erkannt hat, unterschiedlich vorgegangen werden. So wird zum Beispiel nach den amerikanischen Richtlinien jungen Frauen, die einen Diabetes haben, Aspirin und Cholesterinsenker präventiv gegen Herzerkrankungen verordnet. Standard ist das aber noch nicht.

Laut dem „Deutschen Herzbericht 2022“ sank die Mortalitätsrate zwischen 2011 und 2021 bei Frauen um 34 Prozent, bei Männern um 26 Prozent, 2021 starben in absoluten Zahlen 5900 Menschen weniger als zehn Jahre zuvor. Wie bewerten Sie das?

Dass die Mortalitätsrate zurückgeht, ist sehr gut. Ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass die Prävention zugenommen hat und weniger geraucht wird. Man muss aber auch in Betracht ziehen, dass Frauen viele Jahre bis zur Menopause durch das Hormon Östrogen geschützt sind, das die Gefäße elastisch und geschmeidig macht. Trotzdem sind ein Drittel der Patienten mit Herzkranzerkrankungen und Herzinfarkt weiblich und ihre Sterblichkeit ist höher.

Worauf führen Sie das zurück?

Zum Teil ist das rein medizinisch zu sehen. Es liegt aber auch an der unterschiedlichen Kommunikation. Frauen nehmen Schmerzen zwar stärker wahr als Männer, relativieren sie aber häufig und vertrauen darauf, dass sie wieder weggehen.

Mit welchen Symptomen sollte eine Frau umgehend zum Arzt?

Wenn Herzbeschwerden jeder Art stärker werden oder wiederkommen. Die Symptome können völlig anders sein als bei Männern. Die Schmerzen im Arm fehlen häufig, dafür sind Frauen abgeschlagen, haben Schweißausbrüche, sie müssen erbrechen oder sind nicht mehr so belastbar.

Und wenn der Arzt dann nichts feststellt?

Leider ist die Diagnostik immer noch sehr stark am Mann orientiert, außerdem sind Frauen zurückhaltender in der Kommunikation und wollen gezielt gefragt werden. Ich empfehle, Beschwerden und Fragen zu notieren und gemeinsam mit dem Arzt durchzugehen. Bei der Untersuchung sollten bei Frauen Belastungssituationen favorisiert werden.

Zum Thema plötzlicher Herztod. Es wird jedermann empfohlen, sich in der Herzdruckmassage ausbilden zu lassen. Gibt es hier ebenfalls Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Die Herzdruckmassage ist eine wichtige, lebensrettende Methode. Eine aktuelle Studie aus den USA und Kanada zeigt: Frauen erhalten im Notfall seltener eine Herz-Druck-Massage. Hinzu kommt, dass das Frauenherz schneller schlägt, und zwar circa zehn Schläge pro Minute. Daher könnte bei einer Frau auch die Herzdruckmassage entsprechend schneller ausgeführt werden. Die Leitlinie macht bislang hier keinen Unterschied.

Frau Dr. Eifert, wie sind Sie dazu gekommen, sich mit frauenspezifischen Themen zu beschäftigen?

Das Thema beschäftigt mich seit 2008 intensiv, denn viele Aspekte in der Medizin gehören dazu. Die Gendermedizin betrachtet nicht nur biologische Unterschiede, sondern auch den sozialen Bereich. Seit 2014 führe ich am Herzzentrum Leipzig die Herzsprechstunde für Frauen. In das Buch sind Erkenntnisse daraus eingeflossen. Meine Mitautorin Dr. Suzann Kirschner-Brouns und ich wollen das Thema bei Frauen bekannter und bewusster machen. Bei unseren Leseabenden machen wir das in Form von Gesprächen, das ist für das Publikum unterhaltsamer und geselliger. Fragen sind übrigens gerne möglich!

Vielen Dank für das Gespräch.

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