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Lehrerin Gamze Ince hat mit den Schülern Linda, Sofia, Marius, Alessandro und Sarbast Rosen mit den Namen der Deportierten an einem Zaun angebracht. Foto: Seibel
Rabbiner Michael Bar-Lev und der Chor Kachol Lavan (rechts) gestalten die Gedenkfeier mit. Foto: Seibel
Oberbürgermeister Gert Hager hat eine emotionale Rede vorbereitet. Foto: Seibel
23.10.2016

Gedenkfeier am Hauptgüterbahnhof: Deportierte sind nicht vergessen

Pforzheim. Sie hießen Emma Gabriel, Daniel Fischl und Berta Funt – und ihre Namen erinnern, mit weißen Rosen an einen Zaun am ehemaligen Hauptgüterbahnhof gebunden, an ihr Schicksal, das sie mit 183 anderen Juden zwischen zweieinhalb und 86 Jahren aus Pforzheim und neun weiteren aus umliegenden Gemeinden teilten. Von dort wurden sie vor 76 Jahren, am Tag des jüdischen „Laubhüttenfestes“, am 22. Oktober 1940, von den Nationalsozialisten in das französische Internierungslager Gurs, einem Dorf am Fuße der Pyrenäen, verschleppt.

In einer gemeinsamen Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde Pforzheim unter dem Vorsitzenden Rami Suliman und der Stadt haben am Sonntag zahlreiche Menschen, darunter der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich Rülke und Dekanin Christiane Quincke, am Mahnmal der deportierten Juden gedacht.

Bildergalerie: Gedenkfeier am Hauptgüterbahnhof: Deportierte sind nicht vergessen

Erinnerung und Mahnung

Oberbürgermeister Gert Hager schilderte in einer emotionalen Rede das Schicksal der Verschleppten und betonte die Verantwortung, die jeder einzelne noch heute und auch in Zukunft trage. „Sie arbeiteten hier, gingen zur Schule, besuchten die Synagoge. Waren Nachbarn, Freunde, Mitschüler, Ärzte, Lehrer, Kollegen oder Arbeitgeber“, sagte er. Doch das vertraute Zuhause habe sie verraten, „ihre Heimat wurde zur tödlichen Falle, die Nachbarn zu Feinden, die mittaten oder zuschauten und nur in sehr wenigen Fällen protestierten.“ Eines der 195 Schicksale, die Pforzheim mit Gurs verbinden, sei das der damals 20-jährigen Lore Eckstein. Mit ihren Eltern wurde sie nach Gurs gebracht. Briefe, die sie von dort an ihren Bruder Martin schrieb, bewahrt heute das Stadtarchiv auf und macht sie zugänglich. So hält das Archiv ebenso wie ein Stolperstein an der Zerrennerstraße die Geschichte der Frau und ihrer Familie lebendig.

Im Lager hatte sich Lore Eckstein so sehnlich gewünscht, sie hätte ihren Geburtstag in Pforzheim feiern können. „Nicht Hass auf die Stadt, in der ihr alles genommen wurde, spricht aus diesen Zeilen, sondern Heimweh“, sagte Hager. „Lore Eckstein hat sich nach Pforzheim zurückgewünscht, bis ihr das Wünschen auf die grausamste, brutalste Weise geraubt wurde.“ Ein Zuhause habe die junge Frau nie wieder gefunden. „Ihr Schicksal verliert sich spurlos in der NS-Todesmaschinerie.“ Kein Todesort, kein Todesdatum sind bekannt.

Pforzheim als ihre letzte Heimat trage darum eine besondere Verantwortung, die Erinnerung zu erhalten: „Dein Zuhause, das dich im Stich ließ und der Vernichtung preisgab, steht heute erschüttert, mit Scham und Reue vor diesem Versagen. Als dir deine Würde genommen wurde, hat auch Pforzheim seine verloren“, sagte Hager.

Zu gedenken sei das Mindeste, das man tun könne. An das Geschehene zu erinnern schulde man nicht nur den Opfern des Holocaust, sondern auch sich selbst. „Wenn wir nicht Tag für Tag ausreichend viele sind, die friedlich und tolerant und respektvoll zusammenleben, sind wir alle in Gefahr“, sagte Hager. Gurs hatte eine Vorgeschichte, sei nicht unvermeidbar gewesen. Dass so etwas nie wieder geschehe, sei die Verantwortung eines Jeden. „Wachsamkeit, schon im Kleinen, ist eine Voraussetzung dafür. Wir müssen darauf achten, dass Pforzheim Heimat und Zuhause für alle hier sein kann.“