Pforzheim. Pforzheim. Kaum einen Monat geöffnet und schon das neue Sorgenkind: der Tunnel auf der A8. Fast 20 Mal hat es dort bereits gekracht, sagt Polizeioberkommissar Raphael Karcher von der Autobahnpolizei. Also mehr als jeden zweiten Tag – rein rechnerisch. Bisher habe es keinen „schwerwiegenden Unfall“ gegeben. Doch die Tragödie ist möglicherweise nur eine Unachtsamkeit entfernt. Und das liegt nicht nur daran, dass der Sicherheitsabstand nicht eingehalten wird – was die häufigste Ursache für Unfälle auf der Autobahn ist –, sondern an der Rücksichtslosigkeit und der Selbstsüchtigkeit vieler Autofahrer
„Ich hatte noch nie so ein beklemmendes Gefühl“, erinnert sich Karcher an einen Tunneleinsatz. Zwar sei der Unfall selbst nicht schwerwiegend gewesen, doch der Rest sei „ziemlich schief gelaufen“. Um zu erklären, was passiert ist, muss Karcher etwas weiter ausholen. Im Unterschied zum Arlingertunnel handele es sich beim Bauwerk auf der A8 um eine sogenannte Lärmschutzeinhausung. Da sie unter 400 Meter lang ist, gelten für sie andere – weniger strenge – Anforderungen. Konkret bedeutet das: Es gibt keine Nothaltebuchten, keinen Rauchgasabzug und keine Fluchtwege außer den beiden Portalen. Auch für die Rettungskräfte gibt es keinen Zugang in Tunnelnähe. Und weil die Restfahrbahnbreite nicht groß genug für eine Rettungsgasse ist, gibt es für die Einsatzkräfte im Ernstfall nur einen Weg zu den Hilfesuchenden – über die Anschlussstelle Ost.
Das bedeutet: eine Zufahrt entgegen der eigentlichen Fahrtrichtung auf diesem Abschnitt. Die Tunnelleitzentrale veranlasse dann die Sperrung des Tunnels, erklärt Karcher. Das heißt: Die Ampeln am Tunneleingang schalten auf Rot, und der Verkehr aus dem Tunnel heraus sollte in kurzer Zeit zum Erliegen kommen. Doch in diesem Fall passierte genau das nicht. Karcher selbst sollte den Rettungszug anführen. Also die Feuerwehr zur Einsatzstelle leiten. Doch bei der Überprüfung des Streckenabschnitts stellte der 32-Jährige fest: Es kommen Autos aus dem Tunnel. Es zeigte sich: Die Autofahrer ignorierten die rote Ampel am Tunneleingang, drückten sich auf einer halben freien Spur und dem Rettungsgehweg an den beiden Unfallfahrzeugen vorbei und gaben dann Gas. „Warten“, sei der erste Impuls gewesen, sagt Karcher. Irgendwann müsse ein „besonnener Autofahrer“ ja die Verkehrszeichen berücksichtigen und dadurch die Einfahrt versperren. Kurz war das auch der Fall. Doch dann kamen wieder Autos und Lastwagen. Nicht langsam und umsichtig. Sondern mit „normaler Geschwindigkeit“. Karcher entschied: „sofortiger Abbruch“. Und er schickte eine dritte Streife los. Sie musste sich durch den Stau quälen, konnte aber schließlich die unerlaubte Einfahrt in die Einhausung unterbinden und die Rettungskräfte kamen endlich gefahrlos zur Unfallstelle. „Bis dahin ist eine dreiviertel Stunde vergangen“, sagt Karcher, der sich gar nicht ausmalen will, was passiert wäre, hätte es bei dem Unfall Schwerverletzte gegeben. „Jeder guckt nur nach sich selbst“, sagt Karcher und er warnt die Fahrer auf der A8 ganz eindringlich: „Wenn die Ampel auf rot steht, dann liegt etwas zugrunde.“ Dann habe es im Tunnel einen Vorfall gegeben, dann sei es potenziell gefährlich. Er will an die Vernunft appellieren und fordert eindringlich zu „ständiger Vorsicht und gegenseitiger Rücksichtnahme“ auf. Nicht nur damit Verletzte schnell Hilfe bekommen, sondern auch zum Schutz der Rettungskräfte und nicht zuletzt zum eigenen Schutz.


