nach oben
Pokalverwöhnt:  Friseurmeister Gerhard Knapp.
Pokalverwöhnt: Friseurmeister Gerhard Knapp. © PZ-Archiv
12.11.2008

Gerhard Knapp: Mit Manneszier zum weltweiten Markenzeichen

Er sammelt Goldmedaillen, Weltmeistertitel und Siegerpokale wie andere Briefmarken. Der 73-Jährige wird seit Jahren von Talkshow zu Talkshow herumgereicht, ist in Tageszeitungen und Magazinen rund um die Welt abgebildet gewesen. Und das alles nur, weil sich Gerhard Knapp einfach nicht rasieren will.

Dabei hat der Pforzheimer das Rasieren von der Pike auf gelernt, ist er doch in den 50er-Jahren einer jüngsten Friseurmeister weit und breit gewesen. Einst hatte er in der Goldstadt fünf Salons mit über 30 Angestellten geführt, dabei 124 Lehrlinge ausgebildet. Über 80 Mal ist er mit dem Friseur-Nationalteam rund um die Welt geflogen, um auf allen Kontinenten bei Wettbewerben die Schere zu schwingen. In den 70er-Jahren hat Gerhard Knapp als Landesfachbeirat für die Haarfirma „Wella“ bei Miss-Wahlen die Kandidatinnen frisiert. Viele Jahre lang hat er sich als Innungsobermeister ehrenamtlich für seinen Berufsstand engagiert.

So richtig populär geworden aber ist Gerhard Knapp erst durch seinen gewaltigen, immer wieder neu gestylten und immer wieder auffälligen Bart, den er auf nationalen wie internationalen Bart-Meisterschaften stets mit Erfolg präsentiert hat. Dabei resultiert die ausladende Manneszier eher aus einer Verlegenheit. Als 17-Jähriger suchte Knapp nach einer Möglichkeit, die Folgen eines Motorrad-Unfalls zu verbergen. Und so verschwanden die Narben zunächst unter einem Schnauz- und später sogar unter einem Vollbart. In den 90er-Jahren dann wurde aus der eher verbergenden haarigen Angelegenheit ein richtiges Kunstwerk. Die erste Teilnahme an einer deutschen Bart-Meisterschaft brachte ihm den ersten Titel – und von da an gab es für Knapp kein Halten mehr. Deutscher Meister, Europameister, Weltmeister, Superweltmeister, Olympiasieger – hätte er nicht in der Nordstadt einst ein großes Haus gebaut, es wäre kein Platz für die Pokale und Medaillen, die er zuvor schon als Meister bei internationalen Friseur-Wettbewerben gesammelt hat. Zuletzt hat er sich den Europameister-Titel in der Königsdisziplin, in der Klasse „Vollbart freistehend“, gesichert. Im nächsten Jahr fliegt er nach Alaska. Dort will er wieder einmal Weltmeister werden.

Kurios dabei: In Alaska wird er zum ersten Mal in seinem Leben richtig Urlaub machen. Eine Kreuzfahrt an der Westküste Nordamerikas ist gebucht. Obwohl Knapp schon auf allen Kontinenten zu Gast war, so hingen diese Reisen doch immer mit Wettbewerben und handwerklicher Arbeit zusammen. Aber mit 73 Jahren sieht der immer noch in seinem Salon aktive Friseurmeister endlich die Zeit gekommen, einmal ohne Aufgaben und Pflichten zu entspannen. Viel Zeit hat er dafür ja nicht, denn in Pforzheim warten sein Salon, seine Ehrenämter, seine Hobbys oder sein Garten mit dem Bananen-Hain auf ihn.

Nur für eines muss er sich jeden Tag Zeit nehmen, egal, was passiert: für seinen Bart. Das einfachste Styling kostet ihn mehr als eine halbe Stunde. Soll es fotogen aussehen, sind zwei Stunden fällig. Geht es gar um eine Bart-Meisterschaft, so steht Knapp fünf Stunden vor dem Spiegel. Da wabern die Haarspray-Schwaden, da werden Haare um Lockenwickler oder größere Plastikbecher gedreht, da wird gezupft und mit Klämmerchen in Form gebracht. Jedes Haar muss exakt sitzen. Und hier und da muss auch etwas Farbe nachhelfen. Am Ende muss auch noch alles ganz genau symmetrisch sein. Rechts und links darf es keinen Unterschied geben. Dabei kann Knapp gar nicht immer alles bis ins Detail steuern. „Kein Bart ist wie der andere“, sagt er. Jedes Mal sehe er anders aus.

Hauptsache in Alaska sieht er wieder super aus. Dann hätten der Pforzheimer Bartclub „Pforzemer Schneuz“ wieder einen Weltmeister mehr.