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Im warmen Auto verfolgen die Gesellen und ihre Familien am Freitagabend auf der Leinwand die Freisprechungsfeier.  Foto: Meyer 

„Gesell 2020“ trotz Corona ganz großes Kino: 293 Junghandwerker dürfen sich über Gesellenbrief freuen

Pforzheim. Jeans statt Anzug, Sneaker statt Stilettos – allein die Garderobe der Gesellen, die am Freitagabend nach und nach mit ihren Familien im Autos auf den Parkplatz der Firma G. Rau im Brötzinger Tal rollen, zeigt, dass in diesem Jahr einiges anders ist. Doch die traditionelle Freisprechungsfeier „Gesell“ der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis wegen Corona ausfallen lassen? „Das wäre euch allen gegenüber nicht fair gewesen“, erklärt der stellvertretende Kreishandwerksmeister Frank Herrmann in seiner Begrüßung – nicht von der Bühne, sondern der Leinwand. Denn statt großer Feier im CCP nehmen die Junghandwerker ihren Gesellenbrief nach einer Autokino-Feier entgegen.

„Einzigartig“, so Kreishandwerksmeister Rolf Nagel, und ohne KfZ-Innungsobermeister sowie Cineast und Open-Air-Kino-Fachmann Timo Gerstel „unmöglich“, ergänzt Herrmann, sei die „Gesell 2020“ in der Corona-Edition gewesen. Die Rede des Kreishandwerksmeisters, die guten Wünsche von Oberbürgermeister Peter Boch, die Erklärungen von Sponsoren und Preisträgern – alles flimmert in diesem Jahr per Video über die Leinwand des Autokinos. Rund 140 frischgebackene Handwerker samt Anhang sind der Einladung gefolgt, und damit fast so viele, wie in den Vorjahren die Feier im CCP besucht haben. Und denen, die da sind, scheint es zu gefallen.

„Ich hatte nicht geglaubt, dass es überhaupt eine Freisprechung gibt. Diese Alternative finde ich cool“, sagt Marius Müller.

Der Feinwerkmechaniker ist mit seiner Freundin Sara Bareis, seinen Eltern, einem Kasten Bier und ausreichend Pizza gekommen. „Diese Feier entspricht ja viel eher der Jugend, ich finde es sehr gelungen“, sagt Mutter Annette Haug, die nicht um die Feier im CCP trauert. Etwas mehr Wehmut herrscht da schon bei der Bäckerin Ester Kern und den Konditorinnen Verena Braun und Chiara Liehmann. „Es ist schon schade, die Freisprechungsfeier gehört zum Handwerk und unterscheidet es auch zum Beispiel vom Uniabschluss“, sagt Kern. Alle drei wünschen sich die Feier im CCP zurück. Unter den gegebenen Umständen sei das Autokino aber eine „sehr gute Lösung“.

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Der Höhepunkt des Abends – die Freisprechung durch Kreishandwerksmeister Nagel – wird bei der Corona-Edition mit einem Hupkonzert statt Applaus honoriert. 293 der 306 Prüflinge, verkündet der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Mathias Morlock bei der Verlesung der Prüfungsergebnisse, haben die Gesellenprüfung bestanden. Der Notendurchschnitt war mit 3,2 sogar etwas besser als im Vorjahr. Sechs Prüflinge bekamen die Note „sehr gut“, mit knapp 47 Prozent schloss die Mehrheit ihre Lehre „befriedigend“ ab. Sie alle holen im Abschluss an den von ihnen selbstgewählten Wunschfilm – „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ macht unter den vier zur Auswahl stehenden Streifen das Rennen – ihren Gesellbrief im nahen Energieberatungszentrum (ebz) am Mühlkanal ab. Ob ihre Nachfolger ebenfalls per Drive-In zum Zeugnis kommen? „Das CCP ist sicher der angemessenere Rahmen, aber wer weiß, wie die Lage im nächsten Jahr ist“, sagt Herrmann.

Jeanne Lutz

Jeanne Lutz

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