Das reicht doch für einen soliden Polit-Krimi, oder? Ein Baubürgermeister, ein ominöser Hackerangriff, brisante politische Aussagen, die ans Tageslicht kommen. In einer Juninacht dieses Jahres schreibt Tobias Volle ein 15.000 Zeichen langes politisches Essay. Kurz darauf taucht der Text auf seinem Facebook-Profil auf.
Eine Kolumne von PZ-Redakteur Constantin Hegel
Nach exakt 17 Sekunden verschwindet er wieder, um drei Stunden später unter dem Namen eines gewissen „Klaus Müller“ erneut aufzutauchen. Mit einem KI-generierten Profilbild und einem zusätzlichen Seitenhieb auf einen PZ-Reporter.


Fake-Profil bringt Pforzheimer Bürgermeister Volle in Erklärungsnot
Tobias Volle bestreitet, hinter der Veröffentlichung zu stecken. Ein Hacker müsse am Werk gewesen sein. Ein bemerkenswerter Zeitgenosse: Statt das gekaperte Konto für irgendwelche Betrügereien zu missbrauchen, veröffentlicht er einen politischen Aufsatz, der aus Volles Feder stammt, löscht ihn blitzschnell wieder und gründet anschließend eigens ein Fake-Profil, um denselben Text noch einmal unters Volk zu bringen. Volle gab an, den Text an Bekannte verschickt zu haben. Irgendwie müsste er an den Cyberkriminellen mit ausgeprägtem Interesse an Lokalpolitik und einem erstaunlichen Sinn für Dramaturgie gelangt sein. Im PZ-Gespräch, in dem Volle sagt, dass jemand sein Profil gehackt haben müsse, sitzt eine Vertreterin des Rechtsamts der Stadt Pforzheim mit am Tisch. Volle will Anzeige erstatten. Jemand wolle ihm wohl bewusst schaden.
Bis heute muss der Hacker die Männer und Frauen in Blau aber nicht fürchten. Volle hat den Fall auch nach fünf Monaten noch nicht angezeigt, wie die Polizei bestätigt. Mehrere Anfragen des neugierigen PZ-Reporters über diesen Zeitraum geben stattdessen Einblicke in den Berufsalltag des hochrangigen Beamten: Im Juni fehlte dem Bürgermeister nach eigenen Angaben die Zeit, sich mit einem Rechtsbeistand zu besprechen. Im August waren es die vielen wichtigen Aufgaben: Innenstadtentwicklung, Großbaustellen, die Millioneninvestition von Amazon. Mit Beginn der Sommerferien, so die Hoffnung, würde sich der Terminkalender beruhigen. Nun sind die Herbstferien vorbei und die letzte Anfrage Anfang Oktober an den Bürgermeister bleibt unbeantwortet.Es will sich wohl kein Zeitfenster öffnen.
Das Profil „Klaus Müller“ existiert noch auf Facebook. Die Polizei sagt: „Im Rahmen strafprozessualer Maßnahmen können unter den jeweils gesetzlich vorgesehenen Voraussetzungen auch Daten, wie beispielsweise IP-Adressen, erhoben werden.“ Das klingt durchaus erfolgversprechend, was das Auffinden des mysteriösen Hackers angeht. Es fehlt wohl lediglich die Anzeige, damit die Experten loslegen können.
Vielleicht ist sie verschüttgegangen. Zwischen Gutachten zu maroden Aussichtstürmen und sich verteuernden Badsanierungen. Da müssen politische Baustellen erstmal hintenanstehen.

