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Haben Sie Fragen? Auf Kommunikation setzen Adeela Abdullah (am Tisch rechts), Baria Ahmad und die anderen Frauen der Ahmadiyya-Gemeinde in der Fußgängerzone. 

„Ich trage Kopftuch, weil ich es will“ - So klärt eine Muslima über ihren Glauben auf

Adeela Abdullah ist in Pforzheim geboren und aufgewachsen, ist hier zur Schule gegangen, hat schließlich studiert und arbeitet jetzt also pädagogische Betreuerin an der Nordstadtschule. Verheiratet ist die eloquente und selbstbewusste 27-Jährige obendrein. Die Goldstadt ist ihre Heimat, und alles scheint perfekt. Und trotzdem hat sie manchmal das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören.

Etwa dann, wenn sie durch die Fußgängerzone läuft und die Menschen sie anstarren: weil sie ein Kopftuch trägt. In den vergangenen Jahren sei es noch schlimmer geworden, sagt die Frau, die der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde angehört. „Geh’ dorthin zurück, wo Du herkommst!“, werde ihr mitunter aggressiv zugerufen. Aber wo soll das sein, wenn man in Pforzheim geboren und aufgewachsen ist, wenn nicht hier?

„Wir sind ein Teil Deutschlands“ sagt die Pädagogin, „und wir wollen uns nicht diskriminieren oder in eine Ecke drängen lassen“, sagt Abdullah, die am Samstag mit einigen anderen Mädchen und Frauen an einem Stand auf dem Marktplatz mit Passanten ins Gespräch kommen wollen. „Ich bin eine Muslima. Haben Sie Fragen?“, steht auf einem großen Banner. Doch das Interesse an dem Kommunikationsangebot ist zurückhaltend und scheint die Vorurteile und Vorbehalte zu bestätigen.

Kopftuchpflicht im Islam?

Dabei gibt es doch einiges, was man die Frauen fragen könnte. Die „Pforzheimer Zeitung“ hat ihre Leser über die sozialen Netzwerke aufgerufen, ihre Fragen zum formulieren, die der Reporter vor Ort für sie stellen kann. Eine davon lautet: Gibt es eine Kopftuchpflicht im Islam?

Adeela Abdullah, die auch eine der Pressebeauftragten der Frauen-Organisation innerhalb der Gemeinde für ganz Deutschland ist, sagt dazu: „Nein, das steht nicht wörtlich im Koran.“ Gleichwohl aber die Aufforderung an Frauen, „ihre Reize, wie etwa die Haare, das Dekolleté zu bedecken.“ Sie selbst trage außerdem oft Mäntel, um ihren Körper zusätzlich zu verhüllen und „vor den Blicken der Männer“ zu schützen. Eine Verhüllung des Gesichts, wie in manchen Ländern üblich, gehe ihr zu weit. Gefragt wurde auch: Werden manche Frauen gezwungen, Kopftuch zu tragen? „Nein, es gibt keinen Zwang“, sagt die 27-Jährige dazu. „Aber wenn eine Muslima ihren Glauben ernsthaft praktiziert, macht sie es automatisch.“ Adeela Abdullah jedoch ist es wichtig, zu betonen, dass sie dabei im Sinne der Gläubigen ihrer eigenen Gemeinde spricht.

Über Angehörige anderer islamischer Konfessionen, Frauen etwa, die sich nicht verhüllen, möchte sie ausdrücklich nicht urteilen. Überhaupt stellt sie die Freiwilligkeit, die Souveränität in den Vordergrund. Entsprechenden Vorurteilen begegnet sie vehement und verweist auf ihre eigene selbstbewusste Position: „Mein Vater hat mich zur Eigenständigkeit erzogen, meine Brüder und mein Mann mich darin bestärkt. Ich fahre selbstverständlich Auto, habe studiert und gehe arbeiten.“

Dort, in der Nordstadtschule, sei ihr Kopftuch übrigens auch kein Thema, schon gar nicht für die Schüler, die sie betreut. „Die sehen in mir Adeela – und nicht das Kopftuch“, das sie zwar trage, aber auch nicht vordergründig thematisiere.

Ob ein Gemeindemitglied, eine Frau, auch ohne Kopftuch am Gemeindeleben teilnehmen könnte? Grundsätzlich schon. Aber: Eine rein hypothetische Frage, weil alle Frauen in der Pforzheimer Gemeinde Kopftuch trügen, freiwillig, wie Abdullah sagt. Einen Grund für die Ablehnung verhüllter Musliminnen sieht sie auch darin, dass die integrierten Muslimas der Gegenwart inzwischen oft gut gebildet und berufstätig seien, häufig Akademikerinnen und entsprechend selbstbewusst in der Öffentlichkeit aufträten. Früher, als die kopftuchtragende Muslima oft mit einer einfachen Arbeiterin assoziiert gewesen sei, habe das Thema die Kritiker dagegen weniger bewegt. Mit Aktionen wie dieser sowie der Dialogbereitschaft der Ahmadiyya-Gemeinde möchte sie auch künftig für das Abbauen von Hürden und ein friedliches Zusammenleben werben.