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Gunter Demnig setzt auch in Pforzheim regelmäßig Zeichen gegen das Vergessen, so wie hier 2018 an der Baumstraße.  Foto: Meyer, PZ-Archiv 

Jeder Stolperstein erzählt ein Schicksal: Pforzheim erhält kommende Woche weitere wichtige Wegmarken

Pforzheim. Schritt für Schritt wird Geschichte lebendig, Stein um Stein werden tragische persönliche Schicksale ins Heute geholt: Zum wiederholten Mal macht der Künstler und Initiator Gunter Demnig in der kommenden Woche in Pforzheim Station, um weitere Stolpersteine dort zu platzieren, wo Menschen aus ihrem Umfeld gerissen wurden, weil sie unter der Diktatur der Nationalsozialisten zu leiden hatten oder gar den Tod fanden. Die Löblichen Singer und die private Initiative Stolpersteine machen es möglich, dass Demnigs europaweites Kunstprojekt auch in der Goldstadt wichtige Zeichen setzt. 26 Steine kommen unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Peter Boch am Mittwoch, 4. März, hinzu, darunter jene für Ursula Mayer und Julie Wallerstein, deren Lebensgeschichten am Tag der Verlegung besonders präsent sein werden.

Vertrieben und versteckt

Ursula Mayer wurde am 31. März 1937 in Pforzheim geboren. Als der Vater von einer Geschäftsreise im November 1938 nicht mehr nach Hause kam, beantragte die Mutter ein Visum zur Emigration nach England. Da sie das Visum nur für sich selbst erhielt, entschloss sie sich, die Tochter zu ihrer Schwester nach Sarrebourg in Lothringen zu bringen. Als die Mutter zu ihrem Mann nach England floh, blieb Ursula bei der Tante und Cousine. Zum Schutz nahm sie den Namen Yvonne an und erlebte das Kriegsende versteckt in Paris. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs holten sie ihren Eltern nach England. Heute ist sie verheiratet, heißt Ursula Bernstein und lebt in London. Mit ihrem Ehemann wird sie die Verlegung der Stolpersteine für sie und ihre Eltern vor dem Haus an der Güterstraße mit der Nummer 18 mitverfolgen und auch am Empfang teilnehmen, den Oberbürgermeister Boch und Sozialbürgermeister Frank Fillbrunn um 13 Uhr im Rathausfoyer geben.

Projekt verbindet Generationen

Dort wird auch ein Urenkel von Julie Snatager, geborene Wallerstein, erwartet. Sie war am 27. November 1881 in Pforzheim zur Welt gekommen. Ihre Eltern Hermann und Sophie Wallerstein hatten ein Wäschegeschäft in der Westlichen 42. Am 20. April 1909 heiratete sie den Textilhändler Emanuel Snatager in Köln. Das Ehepaar bekam drei Söhne und zog am 3. Mai 1909 von Kassel nach Zutphen in den Niederlanden. Julie Snatager wurde am 20. Januar 1943 von Zutphen aus in das Lager Westerbork geschafft und am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert. In den Akten ist ein offizielles Todesdatum mit dem 1. Februar 1943 vermerkt.

Aus „nicht einwandfrei zu klärenden Gründen kann beziehungsweise darf“ in Zutphen, wo sie zuletzt gewohnt hat, kein Stolperstein verlegt werden, heißt es in einer Erläuterung der Initiative Stolpersteine. Deshalb werde nun mit Demnigs Einverständnis ein Stein an jener Stelle verlegt, an der ihr Geburtshaus stand.

Dass dieses Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer lebendig hält, generationenübergreifend Unterstützung erfährt, führen die hiesigen Paten vor Augen.

Darunter sind Unternehmen wie die Firma Rutronik, Institutionen wie die evangelische Kirchengemeinde Buckenberg-Haidach, Privatpersonen wie der Mediziner und Stadtrat Ralf Fuhrmann mit seinem Mann Timur Fuhrmann-Piontek, aber auch das Reuchlin-Gymnasium, das an die Gestalttherapeutin Lore Perls, geborene Posner, erinnert, die einst jenes Gymnasium besuchte, oder eine Konfirmandengruppe der evangelischen Innenstadtgemeinden, die den Stolperstein für Bernd Kahn finanziert. Er war vom Schulverbot für jüdische Kinder betroffen und musste 1938 mit seiner Familie in die USA fliehen.

Alle Informationen zum europäischen Kunstprojekt von Gunter Demnig und zum hiesigen Engagement der Löblichen Singergesellschaft von 1501 in Kooperation mit der privaten Initiative gibt es auf www.stolpersteine-pforzheim.de.

Mehr lesen Sie am Mittwoch, 26. Februar, in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news.

Claudius Erb

Claudius Erb

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