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Die Klassenzimmer in ganz Deutschland sind wie leergefegt. Die PZ hat Lehrer, Eltern und Schüler in der Region gefragt, wie nun der Alltag bei ihnen abläuft. 

Jeder muss dazulernen - wie Lehrer, Eltern und Schüler die Corona-Krise meistern

Pforzheim. Im Wortsinn über Nacht hat sich für Lehrer, Schüler und Eltern alles geändert. Seit fast einer Woche wird Wissen nicht mehr direkt, sondern aus der Distanz übermittelt. Die PZ zeigt, welche Herausforderungen dies für jeden Einzelnen birgt.

„Große Chance, Lehrer digital fortzubilden“

David Baumgärtel ist dieser Tage gefordert. Der Pforzheimer ist einer von drei Administratoren an der gewerblich-technischen Ehrhart-Schott-Schule in Schwetzingen. Innerhalb weniger Tage haben sie Lernplattformen bereitgestellt, Klassenchats angelegt und die schulinterne Cloud aufgeräumt. Über Letztere können Lehrer ihr Arbeitsmaterial bereitstellen. Die Herausforderung: Aufträge so zu formulieren, dass sie ohne Rückfragen verständlich sind.

Den eigenen Mathematik- und Informatik-Unterricht hat der 29-Jährige ins digitale Klassenzimmer verlegt. Hierfür nutzt er eine interaktive Plattform, „um im Gespräch mit den Schülern zu bleiben“. Manche Lehrer trifft diese abrupte Veränderung hart. „Aber es ist eine große Chance, die Kollegen digital fortzubilden“, so Baumgärtel. Und das machen mehrere Lehrer nun auch. Drei Wochen lang gibt es Schulungen per Videokonferenz: zum Anlegen von YouTube-Kanälen oder der Nutzung des digitalen Klassenbuchs. Daneben aktualisiert der Pädagoge die Schulhomepage, hilft bei technischen Fragen und manchem verlorenen Passwort. Er ist überzeugt: „Nach den Osterferien hat sich das alles eingespielt – oder wir dürfen zurück an die Schule.“ 

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David Baumgärtel ist im Wortsinn Netzwerker einer gewerblich-technischen Schule in Schwetzingen.

Steter Austausch auf allen Kanälen

„Die ersten Tage waren brutal“, sagt Stefan Mielitz, der Schulleiter des Pforzheimer Theodor-Heuss-Gymnasiums. So habe man etwa aus Datenschutzgründen anfangs nicht alle Kontaktdaten zu Schülern und Eltern gehabt. Aber inzwischen habe sich alles erstaunlich gut eingespielt.

Man kommuniziere und interagiere über E-Mail-Verteiler oder Moodle. Es hätten sich bereits erste Videokonferenzgruppen formiert. „Die Kollegen machen einen tollen Job“, sagt Mielitz und erinnert daran, dass die Lehrer dies alles mit ihren privaten Geräten und Internetanschlüssen leisten. Auch die Unterstützung durch die Eltern sei enorm: „Viele tun, was sie nur können.“ Diese Krise führe aber auch vor Augen, wie dringend nötig eine bessere Infrastruktur und ein „digitaler Schub“ wären. 

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Nicht nur täglich im Schulleiterzimmer, sondern auch von zu Hause aus koordiniert Stefan Mielitz das dezen-trale Miteinander am THG.

Geschichte und Physik auf dem Sofa

Die 17-jährige Natalie hat bislang nach eigener Einschätzung täglich etwa vier Stunden – volle Zeitstunden, keine 45-minütigen Unterrichtsstunden – mit schulischen Aufgaben verbracht. „Nicht am Stück, sondern über den Tag verteilt“, räumt die Hilda-Gymnasiastin ein, „also mit Unterbrechungen.“ Sie habe sich vor allem ihren drei Fremdsprachen Französisch, Spanisch und Englisch sowie Physik und ihrem Leistungsfach Geschichte gewidmet. Der Physiklehrer habe zu den ganz regulären Zeiten des Stundenplans zweimal Unterricht als Livestream über den Videokanal YouTube erteilt.

Währenddessen konnten die Schüler ihm über die eigens vom Kultusministerium eingerichtete, heftig kritisierte (die PZ berichtete) Internet-Plattform Moodle Fragen stellen. Moodle sei unübersichtlich, aber ihr Lehrer habe die Schüler da gut betreut, sagt Natalie, die nächstes Jahr Abitur macht und das naturwissenschaftliche Fach nicht zu ihren Stärken zählt. „Physik läuft für mich fast besser so, aber auch deshalb, weil das Tempo weniger hoch ist und ich mir den Livestream hinterher noch einmal ansehen kann“, erklärt sie. Das Fach Mathematik hat sie ein wenig hintangestellt – da habe es Aufgaben gegeben, die noch warten könnten. 

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Die Hilda-Gymnasiastin Natalie (17) widmet dem Lernen täglich vier volle Zeitstunden.

Aufregende Zeiten im fast leeren Schulhaus

Sonst bringen 145 Kinder Leben in die Hartfeldschule in Enzberg. „So seltsam“ sei nun das fast leere Haus, berichtet Franziska Straub, die erst seit Mai 2019 diese Grundschule leitet. „Mein erstes Jahr hier ist schon sehr aufregend“, sagt die 30-Jährige.

Jeden Tag ist sie vor Ort, hat die abrupte Schließung organisiert und eine Notbetreuung auf die Beine gestellt. Drei Kinder nehmen diese derzeit in Anspruch, der Bedarf kann sich aber ändern in diesen insgesamt äußerst dynamischen Zeiten. Allmählich werde alles für sie etwas ruhiger, so Straub. Auch wenn die Verwaltungstätigkeiten weiterliefen und sie nun Arbeiten erledige, zu denen sie im Schulalltag sonst kaum komme. Gerade die Kleinsten aus der Ferne zu unterrichten, sei eine besondere Herausforderung. Ihre Erstklässler in Deutsch könnten etwa zu Hause Buchstaben und Schreibschrift lernen. Man sei auf die Unterstützung der Eltern angewiesen, was bei Migranten mit mangelnden Deutschkenntnissen aber schwierig sei. Die Lehrer seien sehr engagiert: „Wir halten zusammen.“ Straub hofft, dass nach dieser Krise auch die Notwendigkeit einer Digitalisierung der Grundschulen erkannt und mit Nachdruck ausgebaut werde. 

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Franziska Straub, die Leiterin der Hartfeldschule in Enzberg, arbeitet jeden Tag im Büro ihrer verwaisten Grundschule.

Beim Unterricht zu Hause ist Mama besonders gefragt

Welch ein Glück: Wir leben in einer modernen Welt, in der es kein Problem ist, mit Handys und Computern Daten auszutauschen. Die Lehrer der Kinder waren gut auf die Schulschließung vorbereitet: Marlene (Klasse 4) und Carl (Klasse 2) haben Stoff bis zu den Osterferien erhalten.

Die Kinder sitzen täglich eine, maximal zwei Stunden an den Aufgaben, die die Eltern anschließend korrigieren sollten. Klasse 4 hat die Handynummer der Klassenlehrerin erhalten. Diese informiert, dass sie gerne Ansprechpartner ist, wenn es Verständnisschwierigkeiten gibt. Ebenso bei Klasse 2. Hier sind aber die Eltern angehalten, Kontakt aufzunehmen. Für die Eltern gab es jeweils Lösungen, damit mit der Korrektur alles klappt. Beide Lehrkräfte freuen sich über Infos und Bilder der Kinder, wie sie die Zeit verbringen. Tja, die Zeit. Home-Office mit Kindern ist eine besondere Herausforderung. Statt wie sonst nach der Arbeit den nachmittäglichen Fahrdienst für die Kinder zu ihren Aktivitäten oder Freunden zu organisieren, ist nichts los. Die Kinder vermissen die Großeltern. Sonst sind sie immer nach der Schule zu Oma und Opa zum Mittagessen, bis die Mama vom Büro gekommen ist. Nun telefonieren sie mit ihnen, man winkt sich über die Straße zu. 

Inzwischen weiß die Mama, wie Coutinho, Müller und Lewandowski beim PS4-Spiel „Fifa 20“ jubeln und welche Anziehungskraft Justin Bieber auf junge Mädels hat. Dazwischen ist die Waschmaschine zum Ausräumen bereit, die Kinder haben wieder Hunger, und der PC droht in Ruhezustand zu fahren, wenn der Home-Office-Platz zu lange verlassen wird. 

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Marlene und Carl brüten daheim über Aufgaben.

Tägliche Flut von Mails und Anrufen

„Sehr stressig“ seien die Vorbereitungen für die Schulschließungen gewesen, berichtet der Leitende Schulamtsdirektor Volker Traub und verweist auf die dauerhafte enge Begleitung durch das Kultusministerium. Neben dem Erstellen und Verteilen von Unterrichtsmaterialien mussten die Schulen auch die Notbetreuung für Schüler organisieren.

Grundsätzlich könnten Eltern zu Hause nicht den Schulunterricht ersetzen oder simulieren. Für Kinder und Jugendliche sei ein Rhythmus im Tagesablauf wichtig. Aber der schulische Ablauf mit Unterrichtszeiten, Pausen, Übungs- und Bewegungszeiten mit anderen Kindern falle nun weg. „Eine Eins-zu-eins-Übertragung in den Familienalltag ist keinesfalls sinnvoll oder möglich“, betont Traub. Es gelte, dem Kind Raum und Zeit zu lassen, seine Selbstständigkeit zu stützen und die Belastbarkeit aller in dieser besonderen Lage zu beachten. Täglich und intensiv tauschten sich Schulamt, Schulleiter und Lehrer aus. Auch bei ihm und seinem Team, auf das er sich „wirklich verlassen“ könne, sei die Zahl der Mails und Anrufe in den zurückliegenden Wochen enorm gewesen – „und sie ist es noch immer“.

Lösungen gibt es in Tagesrationen

Vereinzelt hätten Schüler beim Verkünden der vorläufigen Schulschließung gejubelt, berichtet Volker Dürrstein, Lehrer an der Weiherbergschule. Doch die Freude sei rasch gewichen, als den Kindern klar wurde, dass fast alles, was ihnen Spaß macht, bis auf Weiteres nicht mehr zugänglich ist. Kein Spielplatz, kein Vereinssport: Die Corona-Krise bedeutet alles andere als Extra-Ferien.

Eine Serie von Aufgaben haben Dürrsteins Viertklässler erhalten, portioniert für jeden Tag, zunächst für die kommenden drei Wochen. Die Eltern erhalten ebenfalls täglich per E-Mail die entsprechenden Lösungsblätter. Rückfragen an die Lehrer sind per Mail oder SMS möglich. Zu Hause kann so der Mathestoff wiederholt und vertieft werden. Völlig neue Themenfelder seien weder den Kindern noch den Eltern zuzumuten. Gut gemeinte, aber falsche Erläuterungen könnten sich einschleifen und würden den Unterricht nach der Corona-Krise zusätzlich erschweren. Täglich checken Dürrstein und seine Partnerin Katrin Diesinger, die ebenfalls an der Weiherbergschule unterrichtet, ihren schulinternen Mail-Eingang, um in engem Kontakt mit dem Rektorat zu bleiben. Insgesamt auch für Dürrstein und Diesinger, die sonst von fröhlichen und wissbegierigen Schülern umlagert sind und  selbst einen kleinen Sohn haben, eine surreale Situation. „Das Soziale fehlt schon sehr.“

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Anke Baumgärtel

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Claudius Erb

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